Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Europäischen Geburtswehen, 06.03.2002

Es war unübersehbar letzte Woche, wie stark die ergrauten Häupter pensionierter Ex-Politiker im EU-Reformkonvent dominieren. Frauen haben ebenso selten den Weg ins neue EU-Gremium nach Brüssel gefunden wie ganz allgemein Personen unter 50. Der durch dieses Bild vermittelte Schein etwas verstaubter Kontinuität auf dem alten Kontinent trügt allerdings gewaltig. Kaum ein Pfeiler der traditionellen europäischen Integrationspolitik, der in der letzten Zeit nicht gehörig ins Wanken geraten wäre:
· In der EU heißt es im Augenblick jeder gegen jeden. Ausgerechnet im Finale zur historischen Erweiterung in Richtung Osten gibt die französisch-deutsche Achse, die bislang die Richtung bestimmt hat, ihren Geist auf. An die Stelle gemeinsam in Paris und Berlin vorbereiteter Weichenstellungen, bei denen dann anderen Mitgliedsstaaten mitziehen konnten oder nicht, beherrschen jetzt die unterschiedlichsten sachbezogenen Allianzen das Bild. Zuletzt waren es Tony Blair und Gerhard Schröder, die an Paris vorbei einen Vorstoß für größere Transparenz und Entscheidungsfähigkeit des Rates der Staats- und Regierungschefs unternahmen. In Sachen Liberalisierung des europäischen Wirtschaftsraums paktierte der britische Premierminister dagegen mit Silvio Berlusconi, der auf dem europäischen Parkett sonst mit schelen Augen angesehen wird. Die EU-Kommission wiederum fürchtet im Prozeß der Institutionenreform zwischen dem Rat und dem immer selbstbewußter auftretenden Europäischen Parlament als großer Verlierer zu enden und klagt ihrerseits den gesamten Rat. Der Anlass ist nichtig: es geht um Subventionen für Schweinezucht in Spanien. Der Vorgang jedoch ist aufsehenerregend, schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass in einem politischen System die Exekutive die gesamte Legislative vor den Kadi zerrt.
Im Begriff das Zeitliche zu segnen ist offensichtlich auch die NATO, oder zumindest die NATO, so wie wir sie kennen. Die einstige mächtige amerikanisch-europäische Verteidigungsallianz wider das sowjetische Imperium hat ihre weitgehende Irrelevanz just in dem Augenblick demonstriert bekommen, als sie das erste Mal in aller Form den Verteidigungsfall ausgerufen hatte . Nach schlechten Erfahrungen mit dem mühsamen multilaterialen Entscheidungsprozeß während des Kosovo-Krieges bestand das Pentagon im Krieg gegen "Al Kaida" und die Taliban auf seiner völligen Handlungsfreiheit. Nicht anzunehmen, dass sich die amerikanische Militärführung nach dem schlagenden Erfolg in Afghanistan das nächste Mal anders verhalten wird. Dafür planen die ernüchterten NATO-Strategen für den kommenden Herbst beim Gipfel in Prag eine neuerliche Phase der Osterweiterung in Richtung Baltikum und damit auf das Territorium des ehemaligen Feindes Sowjetunion. Rußland soll gleichzeitig als quasiassoziertes Mitglied im NATO-Hauptquartier aufgenommen werden und bislang undenkbare Mitspracherechte erhalten. Das amerikanische Okay zu dieser Offenherzigkeit mag ein Beweis mehr sein, als wie gering man das militärische Gewicht der NATO im Pentagon inzwischen einschätzt. Ganz offensichtlich hat das einstige Militärbündnis in der amerikanischen Strategie inzwischen den Charakter eines primär politisch bestimmten sicherheitspolitischen Verbindungsnetzes zu Europa. Ob der NATO unter diesen Vorzeichen allerdings eine dauerhafte Zukunft neben den wachsenden Sicherheitsstrukturen der EU beschert bleiben wird, erscheint fraglich. Schon warnen amerikanische Konservative, aus einer zweiten UNO, zahnlos selbst im Gewand des alten Militärbündnisses gegen den Kommunismus, sollten die USA besser austreten.
Mit welch rasendem Tempo längst vergangen geglaubte Emotionen ausgehend von Mitteleuropa westwärts wandern und auch in der EU politisches Terrain besetzen, zeigt der Aufruhr rund um die Benes-Dekrete. Was noch vor kurzem alleiniges Thema von oft am rechten Rand angesiedelten Landsmannschaftsfunktionären war, drängt plötzlich in den europäischen Mainstream. Die unglückselige Polemik der Populisten Zeman und Haider strahlt jetzt auch auf Deutschland und auf die EU aus. Dabei wäre eine historische Gewissenserforschung, wie sie in Tschechien selbst von Vaclav Havel immer wieder gefordert wurde, ein starkes Zeichen einer in sich gefestigten Demokratie. Verbunden mit politischem Druck von außen läuft Diskussion jedoch Gefahr, in die Nähe des Versuchs einer Revision der aus dem Zweiten Weltkrieg erwachsenen Bevölkerungstransfers zu kommen. Hinter der oft unverständlich erscheinende Weigerung der tschechischen Politik, fünfundfünfzig Jahre altes Unrecht einzugestehen, steckt unmißverständlich die Sorge, dass damit auch das Resultat dieser Vertreibungen in Frage gestellt würde: nämlich das tschechische Besitztum in den ehemaligen sudentendeutschen Gebiete. Umgekehrt ist auch für die Landsmannschaften die Hoffnung auf Restitution die eigentliche Motivation hinter der politischen Agitation, auch wenn das nicht immer zugegeben wird. Wenn die Politik hier nicht europaweit glasklare Verhältnisse schafft, droht mehr vergiftet zu werden, als die nachbarschaftliche Atmosphäre zwischen Wien und Prag. Deutsche wurden schließlich nicht nur aus der Tschechoslowakei und Jugoslawien vertrieben, sondern als Reaktion auf Hitlers Vernichtungspolitik gegen Polen und Russen genauso aus Pommern und Ostpreußen, Danzig und Königsberg. Noch bedroht der Versuch des historischen Aufrechnens nicht den Konsens der europäischen Integration. Aber die Notbremse sollte besser früher als später gezogen werden.
Erschwert wird eine Lösung all dieser offenen Fragen allerdings zur Zeit durch die Dynamik des europäischen Wahljahres. Gleich in sechs EU-Mitgliedsstaaten (Portugal, Frankreich, Deutschland, Irland, Niederlande, Schweden) und drei Beitrittskandidaten (Ungarn, Tschechien, Slowakei) stehen in den nächsten Monaten Urnengänge bevor, die zu so machem Regierungswechsel führen könnten. Europas Konservative geben sich optimistisch und der amerikanische Starkolumnist William Pfaff sieht bereits die Perspektive eines europaweiten Rechtsrucks, der nahtlos an den Terror-bedingten Höhenflug des republikanischen US-Präsidenten anschließen könnte. Zumindest in Portugal scheint ein Machtwechsel zu den unter der Führung des Ex-Maoisten Durao Barroso stehenden rechtsbürgerlichen Sozialdemokraten nicht unwahrscheinlich - sie haben während des gesamten Wahlkampfes ihre knappe Führung verteidigen können. Schweden dürfte dagegen sozialdemokratisch bleiben, Premier Gören Persson liegt zur Zeit in den Meinungsumfragen bei sensationellen 45 Prozent. Besonders in den beiden Schlüsselstaaten Frankreich und Deutschland zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit ungewissem Ausgang zwischen rechts und links ab. Durchaus möglich, dass in einem Jahr neben den Konservativen Silvio Berlusconi, Jose Maria Aznar und Wolfgang Schüssel auch Edmund Stoiber, Vaclav Klaus, ein von rechtsextremen Abgeordneten abhängiger Viktor Orban und ein konservativer französischer Ministerpräsident am EU-Verhandlungstisch sitzen.
Bei so vielen Wahlkämpfen drohen die sensibelsten europäischen Streitfragen höchstens als Wahlkampftöne angesprochen zu werden, und das macht Entscheidungen oft nur noch schwieriger. Der EU-Konvent steht damit der doppelten Herausforderung vieler offener Fragen sowie einer sich ungewöhnlich rasch verändernden politischen Realität gegenüber.

 

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