Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Humanitäre Interventionen, Falter, 6.8.2003


Der "New Yorker" hat die Tragödie Jahre später minutiös nachgezeichnet: wieder und wieder schickte der kanadische General in den fatalen Frühjahrstagen des Jahres 1994 alarmierende Depeschen aus seinem Einsatzgebiet in Ruanda an die Zentrale nach New York. Das Oberkommando der UNO-Friedenstruppe hatte überzeugende Hinweise für die Vorbereitung eines Blutbades durch extremistische Hutu-Milizen und er verlangte ein energisches Eingreifen der Weltorganisation. Doch New York blieb stumm. Mehr noch: als das Morden im April 1994 tatsächlich begann und auch einige belgische UNO-Soldaten getötet wurden, beschlossen die Vereinten Nationen den Abzug der 5000 Blauhelme. Die Weltöffentlichkeit sah bei dem folgenden größten Völkermord Afrikas, der zwischen 500 000 und 800 000 Angehörigen des Volkes der Tutsi und regimekritischen Hutus das Leben kostete, tatenlos zu.
Alle Untersuchungen seither, sei es in der Französischen Nationalversammlung oder durch die Organisation Afrikanischer Einheit , sind übereinstimmend zum Schluss gekommen, dass eine robuste Intervention von aussen die Katastrophe verhindert hätte. Aber Kofi Annan, der als Chef der UNO-Blauhelme direkter Adressat der verzweifelten Telegramme aus Ruanda war, waren die Hände durch den UNO-Sicherheitsrat gebunden. Und dort blockierte die unglückliche UNO-Mission in Bosnien jede Überlegung in Richtung eines weiteren Engagements. In Washington war man noch das Debakel von Mogadischu lebhaft in Erinnerung, als die noch unter George Bush Senior begonnene humanitäre Intervention in das hungernde Somalia im erniedrigenden Schauspiel der durch die Straßen der Hauptstadt geschleiften toten GI s gemündet hatte. Weder die alten Kolonialmächte Frankreich und Belgien, noch die unsichere Clinton-Administration in Washington haben es damals gewagt, der vorherrschenden Anti-Interventionsstimmung entgegenzutreten.
Aus Westafrika kommen heute ähnliche Hilferufe in Richtung Europa und Nordamerika, wie in den frühen Neunzigerjahren. Nicht nur Liberia allein, wo gegenwärtig der heftigste Bürgerkrieg tobt, ist vom Zerfall bedroht. In der ganzen Region sind staatlichen Strukturen und gesellschaftliche Bindungen zusammengebrochen. In Sierra Leone hat ein britisches Expeditionskorps dem Morden ein Ende bereitet und in der Elfenbeinküste halten französische Truppen die Bürgerkriegsparteien in Schach. Dabei geht es längst nicht mehr darum, durch militärische Abenteuer Einflußsphären zu sichern, wie das vielleicht in früheren Zeiten der Fall gewesen wäre. Wider Willen aber gestützt auf ihre koloniale Tradition ließen sich die Regierungen in London und Paris auf die riskante Aktion ein. Schwerer tut sich dagegen die sonst so interventionsbereite Bush-Administration in Washington: zwar warten die Marines auf Kriegsschiffen vor der westafrikanischen Küste. Aber angesichts der Gefahr, in einen afrikanischen Bürgerkrieg hineingezogen zu werden, geben sich die republikanischen Kriegsherren in Washington ganz so zögerlich wie ihre demokratischen Vorgänger in den Neunzigerjahren in der Ruandafrage.
Dabei sind die historischen Bindungen Liberias an Amerika unvergleichlich intensiver als in irgendeinem anderen Teil Afrikas. Noch vor dem amerikanischen Bürgerkrieg und der Sklavenbefreiung standen die USA bei der Gründung des liberianischen Staates Mitte des 19.Jahrunderts Pate. Während des Kalten Krieges war Monrovia einer der ganz wenigen festen Verbündeten der USA in der Dritten Welt. Als die von eingewanderten amerikanischen Sklaven abstammende Großgrundbesitzerschicht 1980 die Macht abtreten musste, unterstützten die USA den inkompetenten und korrupten Samuel Doe an der Spitze des Staates. Die Rebellion gegen Doe zehn Jahre später mündete in den bis heute tobenden Bürgerkrieg.
Dass alle Bürgerkriegsparteien proamerikanischen sind und es im Fall einer US-Intervention wohl kein Kriegsherr wagen würde, sich mit der populären Supermacht anzulegen, reicht dem Pentagon offensichtlich nicht. Das amerikanische Militär hat angesichts einer zu erwartenden langen Besatzungszeit im Irak ein akutes Personalproblem. Die Strategen der Administration warnen bereits vor den Gefahren einer geopolitischen Überdehnung durch den Krieg gegen den Terrorismus. Dazu kommt, dass den Republikanern eine riskante Afrikaintervention in einem beginnenden Wahljahr politisch wenig bringt. Dem konservativen Teil des Landes ist Afrika zumeist egal und die Afroamerikaner wählen demokratisch.
Die Supermacht Amerika läßt sich plötzlich wieder bitten zu interventieren, ganz so wie zu den Zeiten Bill Clintons. Vorläufig ist das ein Zögern, das auf die Afrikapolitik beschränkt scheint. Aber nach den Schwierigkeiten bei der Stabilisierung der Nachkriegsordnung im Irak fällt auf, dass die Bush-Administration auch gegenüber dem Iran und Nordkorea, den beiden anderen Elementen der berühmten "Achse des Bösen" um vieles vorsichtiger vorgeht, als zuvor gegen Saddam Hussein. Könnte es sein, dass da plötzlich so etwas wie Einsicht einkehrt in der amerikanischen Führung? Dass man ahnt, wie eng die Grenzen der militärischen Macht sind?
Es wäre verheerend, wenn Liberia das Opfer eines solchen Reflexes der Vorsicht würde. Denn die Idee der "humanitären Interventionen", mit der einst die bewaffneten Eingriffe in Somalia, Bosnien und Kosovo begründet wurden, ist durch die Veränderungen in der Welt seit dem 11.September vielleicht in den Hintergrund getreten, aber sicher nicht obsolet geworden. Im Gegenteil: zur Erkenntnis, dass die Großmächte Verantwortung für andere Gesellschaften auch dann haben, wenn weder strategische Interessen noch Reichtümer winken, könnte man das warnende Beispiel Afghanistans hinzufügen, wo der innere Zusammenbruch und die massive Einmischung von außen den Taliban und Al Kaida den Boden bereitet haben.
Solange es für solche Fälle keine stehende UNO-Streitmacht gibt, wie sie einst von Boutros Boutros Ghali angedacht wurde, müssen die Armeen der Großmächte die Vorreiter für humanitäre Interventionen sein. Im Fall Liberias
sind bereits tausende Soldaten der westafrikanischen Eingreiftruppe mit dem Segen der Vereinten Nationen im Einsatz. Gemeinsam mit amerikanischen Soldaten hätten sie eine Chance dem Morden ein Ende zu bereiten. Jede Feuerpause nützen die Menschen in Monrovia um zu demonstrieren, dass sie sich einen amerikanischen Einmarsch wünschen. In vielen anderen Teilen der Welt, wo die Verteufelung Amerikas zum Alltag gehört, mag das schwer nachvollziehbar sein. Mit jedem Tag, an dem sich die Regierung Bush dieser Forderung weiter entzieht, wird das Leiden der Zivilbevölkerung in Liberia auch zu einer wachsenden politische Belastung für die USA werden.

 

 

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