Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Comeback des Klassenkampfes?, 03.04.2002

Zehntausende Demonstranten, Fackeln und Transparente auf der Piazza Navona in Rom, ganz wie in alten Zeiten, so scheint es auf den ersten Blick. "Gegen den Terrorismus, für Demokratie und soziale Sicherheit", steht auf den Transparenten der drei großen Gewerkschaftsverbände. Die Gewerkschaften fühlen sich sichtlich im Aufwind in Italien. Nur wenige Tage nach den Riesendemonstrationen von bis zu drei Millionen im ganzen Land, wollen CGIL, CISL und UIL am 16.April das erste Mal seit 20 Jahren gegen die Aufweichung des staatlichen Kündigungsschutzes einen Generalstreik wagen.
Tatsächlich ist auch in der Osterwoche der Zustrom zu den gegen das Aufflammen des Terrorismus der Roten Brigaden gerichteten Gewerkschaftskundgebungen riesig. Die Regierung hat das ihre zu diesem Erfolg beigetragen, hatten doch mehrere Minister einen Zusammenhang zwischen den Streiks und Demonstrationen der Gewerkschaften und den heimtückischen Todesschüssen auf den Arbeitsrechtsprofessor Marco Biagi hergestellt. Tosender Applaus denn auch auf der Piazza Navona, als der bärtige CGIL-Generalsekretär und jüngste Hoffnungsträger der Linken, Sergio Cofferatti, unter den Gefahren für die Demokratie die Delegetimierung gewerkschaftlicher Kampfmaßnahmen gleich nach dem Terrorismus aufzählt.
Aber trotz des großen Zulaufs ist die Stimmung verhalten bei diesen Kundgebungen: auffällig wenig Jugendliche finden sich unter den Demonstranten, dafür viele Ältere, für die der mörderische Zyklus von rechten und linken Anschlägen, sozialer Militanz und geheimdienstlicher Verschwörungen aus den Siebzigerjahren noch in lebhafter Erinnerung ist. Und anders als damals fehlt der italienischen Linken heute eine politische Perspektive. Nach der Erschütterung der Niederlage vom vergangenen Jahr sind die Oppositionsparteien nach wie vor vordringlich mit sich selbst beschäftigt. Silvio Berlusconi kann sich dagegen auf die sicherste Mehrheit stützen, die eine italienische Regierung seit langem hatte. Neuwahlen stehen erst in vier Jahren an. Höchstens ein überraschender Richterspruch in einem der noch gegen ihn laufenden Korruptions-und Bestechungsprozesse könnte dem "Cavaliere" zum Verhängnis werden.
Allerdings macht Silvio Berlusconi am Höhepunkt seiner politischen Macht ein Phänomen zu schaffen, das auch seine konservativen Kollegen in anderen Ländern zu spüren bekommen: Im Augenblick des politischen Erfolgs, der der EU mit Spanien, Österreich, Italien, Dänemark und zuletzt Portugal immer mehr rechte Regierungen beschert, verlieren die Konservativen ihr ideologisches Fundament. Spätestens seit dem 11.September ist nämlich der Staat wieder gefragt: selbst das konservative Amerika hilft den notleidenden Airlines mit staatlichen Garantien über die harten Zeiten, George Bush schützt die brustschwache Stahlindustrie mit Zöllen und belebt die Wirtschaft ganz keynesianisch mit Konjunkturspritzen. Die Ideologie der reinen Marktwirtschaft ist ebenso out wie das Vertrauen in die hehre Tugend der Privatisierung. Für letzteres hat nicht zuletzt das Megadesaster des texanischen Enron-Konzerns gesorgt, der so lange weltweit als richtungsweisendes Beispiel für das Entwicklungspotential der reinen Marktwirtschaft angepriesen wurde.
Die EU hat ihre Kurskorrektur beim Gipfel in Barcelona vollzogen, als man die rasche weitere Liberalisierung des Strommarktes vorläufig abblies. Was gerne als Konzession an das wahlkämpfende Frankreich dargestellt wurde, passiert vor dem Hintergrund wachsender Ernüchterung mit den Privatisierungsfolgen in wesentlichen Schlüsselbereichen. So mußte sich Tony Blair, der in der EU gemeinsam mit Silvio Berlusconi auf mehr Privatisierung drängt, in Barcelona den frappanten Gegensatz zwischen den zerfallenden britischen Privatbahnen und den zukunftsorientierten staatlich geförderten Hochleistungszügen auf dem Kontinent vorhalten lassen.
Die Triebkraft der größten Gesetzesinitiativen Berlusconis, sei sowieso stets die Verteidigung seiner riesigen persönlichen Geschäftsinteressen gewesen, heißt es im wachsenden Chor der Berlusconi-Kritiker. Was jetzt darüber hinaus an politischem Gestaltungswillen noch übrig sei, so die Kritiker, das sei ein mutwillig vom Zaun gebrochener Machtkampf mit dem Gewerkschaften. So erinnert Claudio Rinaldi in der "Republica" daran, dass der berühmte Artikel 18 des Arbeitsverfassungsgesetzes, um den jetzt die Schlacht tobt in Italien, von den Regierungsparteien noch vor ganz kurzem als für die Liberalisierung des Arbeitsmarktes völlig nebensächlich betrachtet wurde. Mit einer Arbeitslosigkeit von 9, 1 Prozent liege Italien besser als Deutschland und 370 000 neue Jobs im vergangenen Jahr seien auch nicht gerade der Beweis dafür, dass es unter den gegenwärtigen Verhältnissen unmöglich sei Arbeitsplätze zu schaffen. Warum dann der ganze sich bis zum Generalstreik hochschaukelnde Konflikt? Berlusconi sieht sich in der Tradition Margret Thatchers, obwohl der Thatcherismus längst tot ist, und er sucht den Kampf mit Sergio Cofferati, dem neuen starken Mann auf der anderen Seite, vermutet die "Republica".
Sozialer Friede war der italienischen Politik nie ein großes Anliegen, aber unter Berlusconi scheinen selbst die letzten Fäden des Dialogs zwischen Gewerkschaft und Wirtschaft, Gesellschaft und politischer Macht gekappt. Gleichzeitig zeichnet sich eine außerparlamentarische Radikalisierung ab, die von den Anti-Berlusconi-Protesten der Intellektuellen bis zur neuen Kampfbereitschaft der Gewerkschaften reicht. Mag sein, dass die italienische Wirtschaft dafür einen Preis zahlen wird: für Europa wäre es noch schlimmer, wenn die italienische Gesellschaft plötzlich mundtot geworden wäre.
Beunruhigt es doch inzwischen auch jene europäischen Politikern, die sonst im Rahmen der Europäischen Volkspartei gerne neben dem erfolgreichen Parteifreund aus dem Süden sitzen, dass der Regierungschef gewordene Medienzar nun dank des Kirch-Debakels sein "Mediasat"-TV-Imperium auch über die italienischen Grenzen hinaus ausweiten könnte.

 

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