Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Konformismus gegen Terrorismus?, 09.01.2002

Wie ein Hohn klingen heute die bombastischen Ankündigungen Osama Bin Ladens vom bevorstehenden Niedergang Amerikas unter den Schlägen seiner Selbstmordattentäter. Das Gegenteil ist eingetreten: die USA stehen heute in der Welt stärker da als je zuvor. Die Zentren des islamischen Fundamentalismus in Afghanistan sind zerstört, selbst im benachbarten Pakistan ist es sehr still geworden um Prediger eines Heiligen Krieges gegen Westen. So überzeugend hat die amerikanische Militärmaschinerie ihre Arbeit getan, dass mehr als ein Jahrzehnt nach dem Ende der Sowjetunion aus der einzigen verbliebenen Supermacht, die allzuoft wie ein deplaciertes Überbleibsel des Kalten Krieges gewirkt hatte, mit einem Mal eine Weltmacht geworden ist, die an der imperialen Vorherrschaft des Römischen Reiches gemessen wird.
Aber das Amerika, das die Regeln der internationalen Politik umschreibt, ist ein durch den Umbruch des 11.September gewandeltes Land. George Bush geriert sich als Kriegspräsident, und als solcher ist er erfolgreich und populär. Seit dem Vietnamkrieg war das Militärische nie so stark stark präsent in der amerikanischen Gesellschaft wie in den letzten Monaten. Der Triumph der Kombination von "Daisy Cutter"-Megabomben und Special Forces hat auch innerhalb der Administration das Gewicht der militärischen Lobby sprunghaft erhöht. Der wenig Differenzierungen zulassende Blick des Militärs bestimmt in zunehmendem Masse das außenpolitische Denken der USA.
Und die Methode Bush macht Schule: als erster hat Ariel Sharon das Window of Opportunities erkannt, das es erlaubt in dem historischen Konflikt mit den Palästinensern im Kleinen so vorzugehen, wie die amerikanische Supermacht dies gegen die unvermutete Bedrohung durch "Al Qua'ida" vorexerziert hat. Indiens Premier Vajpayee, wie Sharon ein rechter Nationalist mit einem starken extremistischen Flügel im eigenen Lager, folgt der gleichen Mechanik des Unilateralismus und der Ultimatum gegenüber Pakistan, selbst angesichts der Gefahr eines nuklearen Schlagabtausches. Zweifelsohne: der blutige Überfall auf das indische Parlament vom 13.Dezember ebenso wie die schrecklichen Selbstmordattentate von Jerusalem und Haifa vom 2.Dezember - die jeweils als Äquivalent zum amerikanischen 11.September wirken - stellen furchtbare Herausforderungen dar. Aber die Vorstellung, dass historisch gewachsene Konflikte mit militärischen Schlägen oder der Verhaftung von ein paar Terroristen gelöst werden können, stellt einen dramatischen Rückschritt gegenüber allem dar, was die internationale Politik in vielen Jahren an Konfliktlösungen entwickelt hat.
Das andauernde Gefühl im Belagerungszustand zu stehen, hat auch Folgen in den USA selbst. Ganz wie in der Zeit des Vietnamkrieges scheint den Behörden fast alles erlaubt, was sich als Schritt gegen den Außenfeind rechtfertigen läßt. Nach wie vor muß John Ashcroft, der weit rechts stehende Justizminister, weder die Namen der seit dem 11.September ca.600 verhafteten Ausländer bekannt geben noch Belege für den behaupteten Zusammenhang mit "Al Qa'ida" vorlegen. In Guantanamo, dem amerikanischen Militärstützpunkt auf Kuba, werden demnächst die Militärtribunale gegen manche der im Afghanistankrieg Gefangenen ihre Arbeit aufnehmen: weder die Genfer Konvention über Kriegsgefangene noch die amerikanische Unschuldsvermutung werden für sie gelten. Es ist eine imperiale Inszenierung. Bewußt hat sich die Bush-Administration damit vor allem zu einer Demonstration der weltumspannende Reichweite des militärischen Arms Amerikas entschlossen. Ausgewichen sind Bush und Ashcroft damit einem internationalen Tribunal, das es einst für Hermann Göring ebenso gegeben hatte wie heute für Slobodan Milosevic, und das eine weltweit wirkende Stärkung rechtsstaatlicher Justiznormen hätte bringen können.
Mehr Geld und Mittel für die Geheimdienste, von denen man sich trotz des peinlichen Versagens vor dem 11.September erhofft, dass sie die Netzwerke möglicher Attentäter aufspüren und deren internationalen Verbindungen nachgehen, wird es wohl auf Dauer geben. Zu dramatisch sind die biologischen, nuklearen und sonstigen Bedrohungsszenarien, die sich nicht zuletzt aus den in Afghanistan entdeckten "Al Qua'ida"-Unterlagen ableiten lassen. Aber ein stärker werdender Staat braucht als Gegengewicht eine auf den Rechten aller Bürger beharrende Justiz, sonst drohen autoritäre Versuchungen, von denen bekanntlich auch westliche Demokratien keineswegs frei sind.
Militärgerichte und Sonderjustiz sind dagegen kein gutes Omen.
Als Anhänger eines totalitären Weltbildes a la Hitler verdienen "Al Qua'ida"-Anhänger kein Fünkchen Sympathie, argumentiert der französische Publizist Alexandre Adler.Was sie aber sehr wohl verdienen, das sei ein fairer Prozess ohne Rechtsbeugung, Garantien für ihr Leben, wenn sie sich ergeben, und medizinische Versorgung, wenn sie verletzt sind. Für Familienangehörige dürfe keine Sippenhaftung gelten und ihre Sympathisanten gehörten zwar von der Staatspolizei registriert, aber polizeiliche Verfolgung sollte es nur bei der Übertretung von Gesetzen geben.
Das mag puristisch klingen. Aber die Geschichte gerade der Vereinigten Staaten lehrt, wir rasch ein innerer Kriegszustand zur Erosion der demokratischen Rechte führen kann. Die Bespitzelung der Antikriegsbewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre durch FBI und CIA ist inzwischen dank der Veröffentlichungen unter dem "Freedom of Information Act" ebenso belegt, wie die massive Einschränkung der Meinungsfreiheit unter der antikommunistischen Hexenjagd des Maccarthysmus.
Von einer solchen Gefahr sind die Vereinigten Staaten weit entfernt, nicht zuletzt wegen der im Vergleich zum Kommunismus der Fünfzigerjahre um vieles geringeren ideologischen Anziehungskraft des islamischen Fundamentalismus a la Osama Bin Laden, wie ebenfalls Alexandre Adler diagnostiziert. Was schon reichen würde, wäre eine Verfestigung des gegenwärtig vorherrschenden patriotischen Konformismus mit seinen leicht autoritären Zügen kombiniert mit imperialer Weltpolitik a la Rumsfeld. Denn erstens kommen amerikanische Trends zumeist mit Zeitverzögerung nach Europa, wo das Widerstandspotential in Sachen Rechtsstaat und Zivilcourage um vieles geringer ist als in den USA. Und zweitens kann man der Welt nicht wünschen, dass nach Sharon und Vajpayee auch noch andere Staatsführer die Gelegenheit bekommen sich als Klein-Bush zu versuchen.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann