Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Le Pen und Europa 01.05.2002

So schnell kann das gehen: aus dem "Supermenteur", dem "Superlügner" des französischen TV-Spotts, ist unvermutet der Retter Frankreichs geworden. Die französische Linke diskutiert zwar aufgeregt, ob man sich am 5.Mai in der Wahlzelle eher die Nase zuhalten soll oder Schutzhandschuhe anzuziehen hat, aber die Stimme für Jacques Chirac gilt bis weit ins Lager der antikapitalistischen Globalisierungsgegner als ausgemachte Sache. Ein "Referendum über Le Pen" soll aus dem zweiten Wahlgang werden. Möglich wird das nicht zuletzt durch die von den französischen Konservativen unter Jacques Chirac stets betriebene konsequente Ausgrenzung der extremen Rechten. Einzig Arlette Laguiller von der archeo-trotzkistischen Gruppe "Lutte Ouvriere" will selbst gegen Le Pen nicht Chirac wählen und auch der unterlegene Lionel Jospin tut sich sichtlich schwer mit einer Wahlempfehlung. Zu den Allerersten, die sich angesichts des Le Pen-Ergebnisses für den demokratischen Konservativen Chirac aussprachen, gehörte dagegen Daniel Cohn-Bendit, der Held der Barrikaden des Quartier Latin 1968 und heute grüner Abgeordneter des Europäischen Parlaments.
"Nous somnes tous des juifs allemands", "Wir sind alle deutsche Juden", hatten die Demonstranten skandiert, als Cohn-Bendit vom Chirac-Ahnvater De Gaulle wegen seiner deutschen Staatsbürgerschaft des Landes verwiesen wurde. "Nous somnes tous des immigres", "Wir sind alle Einwanderer", heißt es heute an die Adresse Le Pens gerichtet in den größten Massenmobilisierungen, die Frankreich seit Jahrzehnten erlebt hat. Die Situation ist paradox: Le Pen liegt gerade bei jungen Wählern weiter voran, als in anderen Altersgruppen. Die Jugend ist aber unermüdlich auf den Strassen seit diesem folgenschweren 21.April: Es ist eine Gegenreaktion, durch die eine ganze Generation politisiert wird und die für Zukunft ebenso wichtig werden könnte, wie das politische Erbeben selbst, das die 17 Prozent für den französischen Rechtsextremen ausgelöst haben.
Für Frankreich hat das Tradition: Politik wird nicht auf Wahlurnen und Gremialentscheidungen beschränkt, sie spielt sich genauso auf den Strassen, in Büros, Universitäten und Betrieben ab. Aber das Phänomen, mit dem das Land jetzt kämpft, ist europäisch. In nahezu unheimlichem Gleichklang wachsen quer über den Kontinent die populistischen, rechtsextremen und EU-feindlichen Parteien. Und überall stellen die feindlich-chauvinistische Reaktion auf Einwanderung und die in unterschiedlichen Stufen manifeste Ablehnung der Europäischen Integration die Fundamente des europäischen rechtsextremen Populismus dar. Le Pens Erfolg verweist damit in spektakulärer Weise auf folgenschwere Schwächen der etablierten Politik, ob rechts oder links, in ganz Europa hin.
Den ersten Schwachpunkt nennt geistreiche "Washington Post"-Kommentator David Ignatius, der Le Pen er mit dem rechtsextremen Südstaatler George Wallace von 1968 vergleicht und den die französischen Vorstädte an die schwarzen Ghettos der Sechzigerjahre erinnern. So wie die USA bis zur Bürgerrechtsbewegung und dem Brennen der Ghettos Rassenprobleme einfach geleugnet hätten, verhalte sich die französische Elite heute schlicht ignorant gegenüber der explosiven Situation einer aus Einwanderung hervorgegangenen islamischen Unterschicht. Die französische Politik glaube die damit verbundenen realen Probleme auszugrenzen zu können: die Rechte ruft nach nach Law and Order, die Linke übt sich in antirassistischer Empörung. Anreize zur Integration bietet keine Seite, ebensowenig wie Wege, die es der französischen Gesellschaft erleichtern mit der wachsenden Vielfalt fertig zu werden. Ignatius appelliert an die Europäer, sich an der Politik der "Affermative Action" der USA zur Förderung und Bevorzugung von Minderheiten ein Beispiel zu nehmen: sie sei das Eingeständnis eines bisher verleugneten Problems gewesen und habe Amerika trotz mancher Proteste in der weißen Mittelschicht jene Durchlässigkeit nach oben gebracht, die Frankreich heute fehle.
In Abstufungen gilt das für ganz Europa. Wo gibt es ihn nicht, den Ruf nach härterem Durchgreifen gegen Ausländerkriminalität und illegaler Einwanderung? Die Aufrüstung der Polizei mag in Krisensituationen wie den französischen Vorstädten unvermeidlich sein, auf Dauer muß sie jedoch zu kurz greifen. Denn Einwanderung aus Nordafrika, dem Balkan und Kleinasien wird in den nächsten Jahrzehnten ein ebenso unveränderbares wie notwendiges Faktum bleiben. Ohne das ehrliche Eingeständnis, dass die europäischen Gesellschaften lernen müssen, mit den sich daraus ergebenden Problemen umzugehen, geht jede Einzelmaßnahme unweigerlich ins Leere. Amerika ist erst vom Fleck gekommen, so argumentiert David Ignatius in der "Washington Post", als man mittels der Gesetze zur bevorzugten Behandlung und Förderung ("Affermative Action") von Minderheiten auch diesen die Chance zum Aufstieg in die Eliten geboten habe. Der Umgang mit Europa als Einwanderungsregion wird sowohl für sozialdemokratische als auch konservative Parteien die Voraussetzung dafür, sich der rechtspopulistischen Scheinwelt entgegen stellen zu können.
Chris Patten, der konservative letzte britische Gouverneur in Hongkong und heute für Außenbeziehungen zuständige EU-Kommissar, diagnostiziert die für die Bürger undurchsichtige demokratische Legitimierung von EU-Politik als zweite große Wurzel des europäischen Rechtspopulismus. Tatsächlich gehört Le Pens Forderung nach dem Austritt Frankreichs aus der EU zu seinen provokativsten Ideen. Darauf mit dem Appell an den Stolz der Bürger auf Frankreichs Rolle in Europa zu antworten, wie Chirac das tut, wird auf die Dauer zu wenig sein. Im Clinch mit der populistischen extremen Rechten werden Europas Politiker ihre Vorstellungen über die nächsten Runden der europäische Integration so detailliert und aktiv bewerben müssen wie Steuersenkungen oder Schulreformen. Die Zeit der salbungsvollen Allgemeinplätze ist vorbei.
Ob sozialdemokratisch oder konservativ: die Parteien des alten Kontinents werden sich Europa auf die Fahnen schreiben müssen. Andernfalls werden uns die Inkarnationen Le Pens bald auf dem ganzen Kontinent überschwemmen, egal wie erfolgreich sich unter der Schirmherrschaft Jacques Chiracs die Abwehrbewegung gegen das Original am kommenden Sonntag in Frankreich erweist.

 

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