Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Wendepunkt Nahost, 20.03.2002

Nach drei blutigen Wochen im Nahen Osten zieht der israelische Friedensaktivist und prominente Querdenker Gershon Baskin eine überraschende Bilanz: Arafat verliert die Schlacht, analysiert der Politologie, aber Israel verliert den Krieg.
Die Vorstöße der israelischen Streitkräfte selbst in die kämpferischsten Flüchtlingslager bei Ramalla und in Gaza waren der letzte dramatische Beweis für die fast völlige militärische Ohnmacht der palästinensischen Seite. Kaum ein Gebäude der Palästinensischen Autonomiebehörde, das nicht gleich mehrmals zerstört wurde. Ein Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber der Übermacht hochmoderner Apache-Helikopter, F-16-Kampfflugzeuge und Panzer, das sich in der wachsenden Zustimmung zu den blutigen Selbstmordanschlägen unter den Palästinensern niederschlägt.
Doch was von außen gesehen als sinnloser Zyklus von Gewalt erscheint, so Baskin , hat aus der Perspektive der Akteure eine klare Logik. Es ist die Logik des Krieges: Jede Seite versucht der anderen Seite so viele Schmerzen zuzufügen, dass die innere Geschlossenheit der Gesellschaft bricht und die Führung zum Kurswechsel gezwungen wird. Möglichst viele Tote auf der anderen Seite, sei es durch die Nägeln eines Selbstmordattentäters oder die Granaten aus einem Panzerlauf, gehören ebenso zum Kalkül, wie die auf den ersten Blick sinnlos erscheinende Bombardierung genau jener Einrichtungen, von denen man den Kampf gegen Terroristen verlangt.
Ariel Sharon denkt in historischen Dimensionen und er hat die immer wieder aufflammenden arabischen Aufstandsbewegungen seit den Anfängen der zionistischen Besiedlung im Gedächtnis: die Proteste sind angesichts der harten Haltung der Gegenseite jedesmal nach einiger Zeit zusammengebrochen. Die palästinensische Führung wiederum hat das unrühmliche Ende der israelischen Besetzung des Südlibanon vor Augen: obwohl Hardliner und Militärs den sogenannten "Sicherheitsgürtel" im Nachbarland jahrelang als lebenswichtig für die Stabilität der israelischen Nordgrenze bezeichnet hatten, zwang die wachsende Zahl israelischer Opfer durch Hinterhalte und Anschläge der schiitischen Hezbollah-Milizen die Regierung Barak schließlich zum Rückzug. Ähnliches erhofft man sich vom chaotischen Kampf gegen jüdische Siedler und israelische Soldaten in den besetzten Gebieten und der blutigen Destabilisierung des israelischen Alltags durch Selbstmordattentäter.
Baskin glaubt, dass die palästinensische Strategie aufgeht, während Israel trotz aller militärischen Erfolge scheitert. Nach eineinhalb Jahren Intifada scheint die Leidensfähigkeit der palästinensische Gesellschaft tatsächlich ungebrochen. Alle Korrespondentenberichte aus Ramalla und Gaza bezeugen als Folge der blutigen israelischen Vorstöße der letzten Wochen eine breite Radikalisierung: eine fast fanatisch anmutende Entschlossenheit zum Durchhalten überlagert alle Anzeichen von Demoralisierung. Jassir Arafat hat die Phase der innerpalästinensischen Konflikte überstanden. Durch den Frontalangriff der Regierung Sharon gegen ihn selbst und die Symbole seiner Macht wurde die politische Popularität des Palästinenserpräsidenten gestärkt. Einmal mehr ist der in Ramalla eingeschlossene Arafat zum Symbol für die Situation seines Volkes geworden.
Dagegen zeigt Israel nach Meinung Gershon Baskins Wirkung. Der Kriegskurs Ariel Sharons hat zu einer dramatischen Verschlechterung der Sicherheitssituation der israelischen Bürger geführt. Die Bereitschaft der Israelis auf diesem Weg weiter zu machen sinkt, und das schlägt sich im schwindenden Vertrauen der Öffentlichkeit in die gegenwärtige Führung nieder. Die formelle Aufhebung des Hausarrests für Jassir Arafat sowie das auf amerikanischen Druck erfolgte Abgehen von der wenig realistischen Forderung nach 7 Tagen Waffenruhe vor Verhandlungen haben die am weitesten rechts stehenden Bündnispartner Sharons aus der Koalition getrieben. Gleichzeitig machen sich auch die Friedenskräfte wieder bemerkbar: kommenden Freitag, dem 22.März, wollen israelische und palästinensische Familien, die in dem Konflikt Angehörige verloren haben, vor dem UNO-Gebäude in New York gemeinsam 1400 Särge im Gedenken an die Opfer beider Seiten aufstellen. Yitzhak Frankenthal, dessen Sohn Arik 1994 von Hamas-Aktivisten entführt und ermordet wurde, läßt in den israelischen Zeitungen fast täglich breitflächige Inserate schalten: "Hört auf zu schießen, beginnt zu reden", kann man unter den Bildern der jeweils jüngsten Massakern lesen.
Bestätigt wird dieses Bild durch die äußerst widersprüchliche Bilanz, die man in Israel nach dem großangelegte Vorstoß gegen Ramalla von vergangener Woche zieht. Während die Streitkräfte die Zerstörung von Miniatur-Waffenfabriken und die Verhaftung von mehreren tausend palästinensischen Buben und Männern als großen Erfolg feiern, zitiert das Massenblatt Yedioth Aharonoth Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer mit dem Ausspruch, das sei alles "reine Show" gewesen. Journalisten bekommen aus dem Geheimdienst Shin Beth Analysen zugespielt, wonach weder Führungskader unter den Festgenommenen waren noch sonst die Fähigkeit der Palästinenser zu weiteren Terrorangriffen beeinträchtigt worden wäre.
Dazu kommt der verstärkte Druck aus Amerika: erstmals seit dem 11.September scheint die Bush-Administration den Nahost-Konflikt nicht mehr ausschließlich unter dem Aspekt der Terrorbekämpfung zu sehen. Dick Cheneys Bemühungen zum Aufbau einer neuen Koalition gegen Saddam Hussein zwingen die republikanischen Herren in Washington zur Aufgabe ihrer bisherigen demonstrativen Abstinenz im israelisch-palästinensischen Krieg. Als Hebel zur Wiederaufnahme echter Verhandlungen soll offensichtlich der sogenannte Friedensplan des saudischen Kronprinzen Abdullah eingesetzt werden, der die Anerkennung Israels durch die gesamte arabische Welt im Gegenzug für einen - allerdings ziemlich hypothetischen - Rückzug auf die Grenzen von 1967 vorsieht. Voraussetzung dafür, dass dieser Vorschlag auf dem Gipfel der arabischen Liga in Beirut Ende März überhaupt vorgebracht wird, ist die Anwesenheit Jassir Arafats und damit die triumphale Befreiung des Palästinenserpräsidenten aus dem israelischen Würgegriff in Ramalla in den nächsten Tagen. Womit Arafat neuerlich die verheerenden Folgen von eineinhalb Jahren blutiger Konfrontation in ein spektakuläres politisches Comeback sowohl für ihn persönlich als auch für die nationalen Anliegen der Palästinenser umgekehrt hätte.
Wer die jahrelangen mühsamen israelisch-palästinensischen Detailverhandlungen von Oslo über Camp David bis zu den letzten Gesprächen vor Sharons Wahlsieg im Badeort Taba am Roten Meer auch nur annähernd verfolgt hat, ist angesichts der Schlichtheit des Abdallah-Plans überrascht. Weder zur Jerusalem-Frage noch zur Rückkehr der Flüchtlinge oder dem Schicksal der israelischen Siedlungen gibt es neue Ideen. Sollten nach dem arabischen Gipfel in Beirut daher tatsächlich substantielle Friedensverhandlungen beginnen, wird man daher wohl sehr rasch bei jenen Details anlangen, die noch unter Bill Clinton und Ehud Barak erarbeitet wurden, bevor Israel die Verhandlungen von Taba abgebrochen hat.
Allerdings ist heute die Bereitschaft zu Kompromissen auf beiden Gesellschaften viel geringer als vor eineinhalb Jahren, selbst wenn das Vertrauen in militärische Lösungen zumindest in Israel erschüttert scheint.

 

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