Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  "Falter" - Artikel
   

Pim Fortuyns und Le Pen, 15.05.2002

Ist die europäische Linke mitschuldig am Tod Pim Fortuyns? Schafft die politische Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Populismus ein Klima der Gewalt? Führt von der massenhaften Mobilisierung der Jugend gegen Le Pen in Frankreich oder einer handvoll vermummter Steinewerfer bei Studentendemonstrationen in Wien ein direkter Weg zum politischen Mord?
Die Frage mag der Motivation billiger politischer Polemik entsprechen, sie ist trotzdem wert diskutiert zu werden. Schließlich polarisiert die Auseinandersetzung mit den aufstrebenden rechten Populisten den Kontinent. Die Schüsse auf Pim Fortuyn fielen keine 24 Stunden, nachdem in Frankreich ein beispielloser republikanischer Schulterschluss Le Pen in die Schranken gewiesen hatte.
Allerdings erscheint es kein Zufall, dass der Mordanschlag auf den rechten Herausforderer ausgerechnet in jenem Land passierte, das am wenigsten auf die Auseinandersetzung mit rassistischen und autoritären Tönen in der Politik eingestellt war. Auffällig hilflos hatte die holländische Öffentlichkeit auf den kometenhaften Aufstieg der Gruppe um Pim Fortuyn reagiert. Schwer getroffen von den vernichtenden Erkenntnissen des Srebrenica-Untersuchungsberichts, der eine klare Mitverantwortung der militärischen Führung in Den Haag an der schmählichen Kapitulation der holländischen UNO-Soldaten vor den anstürmenden serbischen Paramilitärs (und damit am größten Massaker in Europa seit dem 2.Weltkrieg) festgestellt hatte, schien den die Mitte-Links-Regierung führenden Sozialdemokraten unter Wim Kok der Wille zum Siegen verloren gegangen zu sein. Die seit Jahren vor sich her tümpelnden traditionellen Rechtsparteien wiederum waren vom Überraschungserfolg der schillernden Fortuyn-Liste, die es in Rotterdam auf gut die Hälfte der Stimmen gebracht hatte, wie vom Donner gerührt. Die insgeheime Hoffnung von Rechtsliberalen und Christdemokraten: der Erfolg Fortuyns könnte mithelfen, die Sozialdemokraten von der Macht zu verdrängen und einer reinen Rechtsregierung den Weg ebnen.
Die liberale holländische Gesellschaft reagierte mit einer Mischung aus Faszination und gelähmtem Entsetzen auf die gegen den Islam, gegen Ausländer und gegen die EU gerichteten Parolen. Eine erfolgversprechende Gegenstrategie war nicht in Sicht. Die Griff zur Waffe eines Einzeltäters scheint damit in Wirklichkeit weniger Folge einer politischen Polarisierung als Ausdruck der tiefen Verwirrung, mit der die holländische Politik auf Fortuyn reagiert hat.
In Frankreich ist dagegen eine völlig konträre Entwicklung abgelaufen: auf den Schock des Le Pen-Erfolges im ersten Wahlgang hat die gesamte demokratische Öffentlichkeit mit einer bislang nicht dagewesenen politischen Mobilisierung reagiert. Der 1.Mai sah die größten Jugenddemonstrationen seit dem Mai 1968: klarerweise ohne Schüsse und selbst ohne die seit einiger Zeit bei europäischen Großdemonstrationen sonst üblichen Gewaltszenen am Rande. Während die Linke gegen Le Pens Ideen von Anhaltelagern für illegale Ausländer, Todesstrafe, Abtreibungsverbot und EU-Austritt auf die Straße ging,
konnte Jacques Chirac vor dem zweiten Durchgang auf seiner langjährigen kompromisslosen Ablehnung jeder Zusammenarbeit mit der Nationalen Front aufbauen.
Den schlagenden Erfolg dieser Strategie bezeichnet die konservativen Turiner "Stampa" als potentiell richtungsweisend für ganz Europa. Frankreich habe gezeigt, so "Stampa"-Kolumnistin Barbara Spinelli, dass es für die europäischen Konservativen einen anderen Weg gibt, als den in Italien und Österreich praktizierten der Verbindung mit Rechtsextremen und Populisten. Gestützt auf die Mobilisierung der Linken konnte Chirac erstmals zeigen, dass es der republikanischen Rechten gelingen kann, Rassismus und EU-Feindlichkeit in der offenen Konfrontation zu besiegen. Während die Rechtsregierungen in Rom, Wien oder Lissabon von den programmatischen Gegensätzen zwischen christdemokratischer Führung und rechtsextrem-populistischen Koalitionspartnern belastet sind, könne sich der neue Premierminister Jean-Pierre Raffarin sowohl in der Europapolitik als auch in den großen Fragen der Gesellschaftspolitik auf ein klares republikanisches und proeuropäisches Mandat stützen.
Das Resultat der europaweit heftigsten politischen Auseinandersetzung mit rechtsextremen Thesen war somit keineswegs der holländische Mord, sondern der höchst friedliche französische Wahlausgang.
Wie dauerhaft dieses französische Modell über die Grenzen des Landes hinaus ausstrahlt, das wird wohl vom Ausgang der Parlamentswahlen Mitte Juni abhängen. Dass es in einem sich vereinigenden Europa rechtsextreme Anti-EU-Parteien mit einem Zulauf von 15 bis 20 Prozent gibt, damit muß ein parlamentarisches System fertig werden. Zur Krise wird eine solche Entwicklung erst, wenn sie zum direkten Einfluß nationalistischer Ideologien auf den Regierungskurs führt oder die Mehrheitsfindung eines politischen Systems in Frage stellt.
Siegt bei den Wahlen zur Nationalversammlung in Paris Chiracs Präsidentenpartei, dann hätte Frankreich jene Handlungsfähigkeit erlangt, die helfen könnte nach den deutschen Bundestagswahlen im Herbst die gegenwärtige Blockade der europäischen Politik zu überwinden. Sie ist mit ein Grund für das Anwachsen EU-feindlicher Rechtsparteien. Der Rechtstrend selbst scheint in Europa dagegen zur Zeit kaum aufzuhalten. Sogar bei den Kommunalwahlen in Großbritannien mußte Tony Blair Federn lassen und immer größer werden die Hindernisse, mit denen Rot-grün in Deutschland zu ringen hat. Soll Europa dabei unter dem Druck mobiler nationalistischer Parteien nicht auseinanderdriften, dann ist der französische Weg der offenen politischen Auseinandersetzung die einzige Möglichkeit.
Der individuelle Terror eines Mordanschlages kann nicht als Folge desselben erklärt werden. Ein tödliches Attentat ist jedoch umgekehrt eine furchtbare Belastung für jede demokratische Gesellschaft: durchaus möglich, dass Holland einen schmerzlichen Preis dafür zahlen wird, wenn der Mitleidseffekt die Fortuyn-Erben am Wahltag ganz nach vorne katapultiert.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann