Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Prodi vs. Blair, 29.05.2002

Die große Peinlichkeit Blamage im allerletzten Augenblick verhindert werden: Großbritannien, Frankreich und Deutschland, die drei Großen der EU, waren zwar unnachgiebig geblieben, aber der genervte spanische Außenminister Josep Pique fand schließlich doch jene europäischen Staaten, die den 13 Palästinensern aus der Geburtskirche in Bethlehem Asyl gewährten. Der Terrorismus-Vorwurf , der nach offizieller israelischer Sichtweise ja für jede Art bewaffneten Widerstands gegen das Besatzungsregime der Westbank formuliert wird, ist von der EU in Summe weder bestätigt noch entkräftet worden. Die Behandlung des Falls der "13" hat allerdings einmal mehr demonstriert, warum Europa im Nahen Osten eine derart bescheidene Rolle spielt. Frankreich weigerte sich mitzumachen, weil der Kompromiß von Bethlehem angeblich hinter dem Rücken der EU von den USA ausgehandelt wurde. In Deutschland sind Wahlen und Großbritannien hat mit den täglichen Flüchtlingen aus dem "Chunnel" genug zu tun. So dauerte es zehn Tage, bis das nicht gerade gigantisch erscheinende Problem des Asyls für die 13 auf Zwischenaufenthalt in Zypern weilenden eine Lösung fand. Zwischenrufe aus Klagenfurt und Wien zu dem Thema wurde von der breiteren europäischen Öffentlichkeit ebenso wie die unangenehme Affaire selbst glücklicherweise weitgehend ignoriert. Aber Außenpolitik zählt eindeutig nach wie vor nicht zu den großen Stärken der Union.

Trotzdem scheint genau diese Außen-und Sicherheitspolitik zum Angelpunkt des anbrechenden Machtkampfes um die zukünftige Kompetenzaufteilung der Europäischen Union zu werden. Die Frontlinie verläuft zwischen Romano Prodis EU-Kommission in Brüssel und den im Europäischen Rat versammelten Staats-und Regierungschefs. Die mühsame Gemeinschaftsmethode der EU steht gegen das Powerplay der Großen auf der Ebene der nationalen Regierungen. Zuletzt waren die Brüsseler Kommissare am Zug: in einem seit langem erwarteten Reformvorschlag an den für die Neuorganisation der Institutionen zuständigen EU-Konvent verlangen Prod&Co die entscheidenden Kompetenzen in den bisher national zu verantwortenden Fragen der Einwanderungs-und Asylpolitik sowie die Bündelung der EU-Sicherheitskompetenzen durch die Verlagerung des Außenpolitikbeauftragten Javier Solana in die Kommission. Dieser arbeitet bisher im Auftrag des Rates. Unterstützt wird der kühne Vorstoß der Eurokraten durch wichtige Stimmen im Europäischen Parlament und angeblich auch eine positive Grundstimmung unter den Konventsmitgliedern . Eine drastische Verlagerung des Gravitationszentrums der EU von den Mitgliedsstaaten und den Regierung in die Kommission wäre die Folge. Die Exekutive in Brüssel wäre der Sieger im Match mit den nationalen Regierungschefs.
Das große Problem dabei: die Vorstellung einer starken Exekutive in Brüssel steht im Widerspruch zum gegenwärtigen Trend der Renationalisierung und die Kommissare begeben sich damit in direkten Gegensatz zu den wichtigsten Mitgliedsstaaten der Union. Denn Großbritannien, Frankreich und Spanien verfolgen seit einigen Wochen ein völlig andersgeartetes Projekt. Die drei EU-Schwergewichte wollen die neue Funktion eines EU-Präsidenten schaffen. Für eine Funktionszeit von vier bis fünf Jahren sollen die nationalen Regierungschefs nach diesem Plan einen ehemaligen Kollegen in das hohe Amt wählen. Ein Tony Blair oder Jose Maria Aznar könnte so nach Beendigung der jeweiligen nationalen Karriere als Präsident Europas von gleich zu gleich mit George Bush, Wladimir Putin oder deren Nachfolger verhandeln. Nach diesem Konzept käme die Autorität des obersten EU-Repräsentanten vom Rat, also von den Mitgliedsstaaten. Die Kommission mit ihrem Präsidenten wäre in den Hintergrund gedrängt. Ein schwerer Schlag für die bewährte sogenannte "gemeinschaftliche Methode", sagen Kritiker. Kleinere Mitgliedsstaaten wiederum sehen ihre Einflußmöglichkeiten schwinden und warnen vor einem Direktorium der Großen, ohne allerdings selbst Vorschläge für den dringend nötigen Umbau der Union zu machen.
Es ist eine Konflikt, der auf der immer deutlicher werdenden Erkenntnis beruht, dass eine weitreichende Reform noch vor der Erweiterung 2004 unausweichlich ist, will man mit bis zu 25 Mitgliedern nicht die völlige Paralyse riskieren. Tatsächlich lassen beide Ansätze das größte Defizit der EU völlig unbeachtet: die nur vermittelte und daher schwache demokratische Legitimation ihrer höchsten Organe. Die vielgepriesene Gemeinschaftsmethode hat nicht nur einen großen Teil des bestehenden Regelwerks der EU geschaffen, sondern auch jene Eurokratie, die abgehoben von den Bürgern erscheint und mitverantwortlich für die populistischen Gegenreaktionen im Wahlvolk ist. Die Kommission ist nicht zufällig die Inkarnation des technokratischen Europas. Kann sich irgendjemand vorstellen, dass ein für Sicherheitspolitik zuständiges Mitglied dieser Institution in ihrer heutigen Verfassung, wie Romano Prodi das will, Weichen stellt, die auch nur in die Nähe von Entscheidungen über Leben und Tod europäischer Soldaten kommen? Genau das wird aber nötig sein, wenn es eine echte EU-Sicherheitspolitik geben sollte. Umgekehrt haben natürlich jene Kritiker recht, die einen von den Regierungschefs ernannten EU-Präsidenten mit dem machtlosen Kaisertitel des einstigen Heiligen Römischen Reiches Deutsche Nation vergleichen. Vorbei wäre der schöne Traum vom Europäischen Bundesstaat.
Ein Gravitationszentrum der Europäischen Integration außerhalb der Sphäre intergouvernementaler Verhandlungen muß es geben. Aber eine solche Persönlichkeit muß aus europaweiten Wahlen hervorgehen, sonst wird es immer schwerer werden der "Los von Brüssel"-Stimmung Herr zu werden. Jacques Delors, der Vorvorgänger Romano Prodis, hat schon vor Jahren die Wahl des Kommissionspräsidenten im Zusammenhang mit den Wahlen zum Europäischen Parlament gefordert. Andere Vorschläge beinhalten die direkte Volkswahl des obersten Kommissars. Eine Diskussion, um die es gefährlich still geworden ist in letzter Zeit. Dabei schiene ein Neustart der Diskussion um die Demokratiedefizite der EU um einiges wesentlicher als die Institutionendebatte wo jetzt welcher sicherheitspolitische Beauftragte angesiedelt ist.
Denn mit einem demokratischen Legitimationsdefizit belastet ist es auch schwer glaubwürdige Außenpolitik zu betreiben. Nicht nur in der explosiven Situation des Nahen Ostens, die der europäischen Diplomatie so viele unrühmliche Episoden beschert.

 

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