Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ronald Reagan und George Bush, 06.02.2002

Als Ronald Reagan durch seine Kampfansage gegen die Sowjetunion als "Reich des Bösen" vor zwei Jahrzehnten dem Auf und Ab der Entspannungspolitik früherer Jahre ein Ende bereitete, da schwankten die europäischen Reaktionen zumeist zwischen Unverständnis und Hohn. Nicht viel anders geht es George W. Bush mit seiner Kriegserklärung an die "Achse des Bösen" der drei sogenannte "Schurkenstaaten" Irak, Iran und Nordkorea, die unter Verdacht stehen Massenvernichtungswaffen zu entwickeln und nun zum neuen Ziel einer offensive amerikanischen Außenpolitik wurden. Auch Tage nach der Rede des Präsidenten vor beiden Häusern des Kongresses, aus der diese Anleihe beim Übervater des amerikanischen Konservativismus stammt, wird diesseits und jenseits des Atlantiks gerätselt, was diese Erweiterung des bisherigen "Kriegs gegen den Terrorismus" bedeutet. Unmittelbare Militäraktionen seien nicht zu erwarten, beruhigen die Sicherheitsberater des Präsidenten und Großbritanniens Außenminister Jack Straw, seit Monaten um eine Verbesserung der Beziehungen zum Iran bemüht, vermutet vor allem innenpolitische Motive in einem wichtigen amerikanischen Wahljahr.
Tatsächlich wird mit fünf Monaten Abstand nun langsam klar, wohin Amerika nach den traumatischen Ereignissen des 11.September und dem erfolgreichen Blitzkrieg in Afghanistan steuert. Die "Achse des Bösen" zwischen Staaten und als "terroristisch" definierten Untergrundorganisationen stellt jenen neuen Außenfeind dar, der den USA mit dem Ende des Kalten Krieges abhanden gekommen war. Ganz wie früher unter dem Vorzeichen des weltumspannenden Kampfes gegen den Kommunismus ist es der amerikanischen Führung heute wieder möglich gigantische Rüstungsausgaben und den Einsatz von Soldaten in den entferntesten Winkeln der Erde vor der eigenen Bevölkerung zu vertreten. Bill Clinton mußte einst seine waffenstarrenden Kriegsschiffe vor derKüste des bitterarmen Haiti wieder zurückholen, weil die isolationistische Stimmung im Land ihm nicht einen einzigen verletzten US-Soldaten verziehen hätte. George Bush kann dagegen ohne mit der Wimper zu zucken hunderte Marines in einen unsicheren Anti-Guerillakrieg auf die Philippinen schicken. Wobei die islamischen Abu Sayyaf Rebellen im Süden des Landes mit "Al Qua'ida" wahrscheinlich ebensowenig zu tun haben, wie einst das von Ronald Reagan eroberte Grenada mit den Weltmachtphantasien Leonid Breschnews.
Aber die Botschaft ist klar: die Zeiten sind vorbei, in denen Amerika als Supermacht wider Willen zu agieren schien und Interventionen in der Fremde nur nach langem Zögern zustanden kamen. Die USA haben wieder eine klare Mission in der Welt. George Bush ist der Vollstrecker dieser Mission, seine Rolle als Kriegsherr, die er seit dem 11.September nach Innen und Außen so erfolgreich spielt, gedenkt er nicht so bald aufzugeben. Die Bereitschaft zum entschlossenen Einsatz der überragenden militärischen Vormachtstellung der USA, wenn nötig auch ohne Rücksicht auf Verbündete oder auf gar auf das internationale Recht, ist das wichtigste Instrument dieser neuen offensiven amerikanischen Außenpolitik.
Der britische Militärhistoriker Paul Kennedy, der noch vor 15 Jahren einen Niedergang der Vormachtstellung Amerikas wegen "Überdehnung" ihrer weltweiten militärischen Verpflichtungen für möglich gehalten hatte, sieht die Weltherrschaft der USA durch einen derart gigantischen militärischen Vorsprung abgesichert, dass sie für lange Zeit nicht mehr einholbar sein werde. Allein die von Donald Rumsfeld verlangte Aufstockung des US-Verteidigungsbudgets um 48 Milliarden Dollar macht doppelt so viel aus, wie der gesamte italienische Militäretat. Die USA geben heute 40 Prozent der gesamten Rüstungsausgaben der Erde für ihre Streitkräfte aus. Ein einziger der 12 amerikanischen atomgetriebenen Flugzeugträger samt Begleitschutz kostet mehr als die gesamte Armee eines mittelgroßen Staates. Paul Kennedy rechnet vor, dass paradoxerweise die Kosten dieser stets wachsenden militärischen Übermacht gemessen an der gesamten Wirtschaftsleistung Amerikas zurückgehen. Noch 1985 kostete das Pentagon die amerikanischen Steuerzahlen beträchtliche 6,5 Prozent des Bruttonationalprodukts, was mit ein Grund für die damaligen Budgetprobleme war. Aber dank Umstrukturierung und technologischer Revolution ist die amerikanische Wirtschaft in den Neunzigerjahren so viel schneller gewachsen, als die der wichtigsten Konkurrenten, dass sich das Pentagon heute mit 3,2 Prozent des BNP zufrieden geben kann. Sich finanziell auszubluten, um Nummer eins zu sein, ist auf die Dauer schwierig, argumentiert Paul Kennedy. Wenn die Weltherrschaft einer imperialen Macht aber auch noch billig kommt, dann ist sie für lange Zeit abgesichert.
Zumindest militärisch. Denn politisch sind die weltpolitischen Visionen George Bushs von gefährlicher Schlichtheit. Selbst Tony Blair mußte mit Entsetzen registrieren, dass die Verbündeten in der gegenwärtigen Administration in Washington bestenfalls die Funktion von diplomatischem Aufputz haben, zu gering ist ihr militärisches Gewicht. Die NATO wurde nach der pompösen Ausrufung des Bündnisfalles respektlos auf die Zuschauergalerie verwiesen und dass der Rest der Welt gar die Einhaltung der Genfer Konvention auf die gefangenen "Al Qu'aida" und "Taliban"-Kämpfer einfordert, das kann man im Weißen Haus noch immer nicht nachvollziehen.
Die größte Achillesferse des imperialen Kurses stellt jedoch die Reduzierung regionaler und sozialer Konflikte auf die Schablone des "Kampfes gegen den Terrorismus". Genauso wie die USA einst im Kalten Krieg hinter jeder Protestbewegung die Hand Moskaus vermutet haben, egal ob in Wirklichkeit soziale Gegensätze oder nationale Emanzipationsbestrebungen die Wurzel waren, so scheint heute der Kampf gegen den Terrorismus das einzige Kriterium zu sein, das in Washington gilt. Der blinde Antikommunismus hat die USA im Kalten Krieg auf die Seite lateinamerikanischer Diktatoren und südafrikanischer Rassisten geführt, er mündete im Desaster des Indochinakrieges und in einer der tiefsten moralischen Krisen der westlichen Welt. Wenn die USA nun unter dem Vorzeichen des Kampfes gegen den Terrorismus einer ähnlichen Logik folgen und mittelasiatischen Tyrannen ebenso ihren Segen geben wie selbsternannten Anti-Terror-Kriegern im Nahen Osten, dann wird langfristig eine Gegenbewegung unvermeidlich sein.
Die Aktivisten der nach dem 11.September vielfach desorientierten Antiglobalisierungsbewegung versuchen dieser Tage gemeinsam mit linken Vordenkern aus Europa und Lateinamerika in Porto Alegre die ideologischen Grundlagen dafür zu legen. Wie gut das gelingen kann, bleibt abzuwarten. Nur eines erscheint sicher: die Situation ist komplizierter geworden. Bis eine solche soziale Gerechtigkeit einfordernde Bewegung stark genug ist, um selbst in den Höhen des amerikanischen Imperiums als Herausforderung verstanden zu werden, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Schließlich ist die Gefahr von terroristischen Attentaten gegen die USA ja nicht nur in den Köpfen des CIA sondern auch in der Realität nicht gebannt. Und jeder neue Anschlag vom Typus des 11.September würde die Logik des bisherig eingeschlagenen Kurses bestätigen und seine Legitimität in der Bevölkerung nicht nur der Vereinigten Staaten erhöhen.

 

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