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Reality
Check - eine Nachlese, 28.5.03
Als schlichte Kapitulation
der Kriegsgegner Frankreich, Deutschland und Rußland möchten
die Hardliner der Bush-Administration die jüngste Wendung im UNO-Sicherheitsrat
gerne darstellen. Immerhin hat jenes Gremium, das trotz massivsten Drucks
aus Washington seine Zustimmung zum Irakkrieg verweigert hatte, das amerikanisch-britische
Besatzungsregime nun einstimmig legitimiert. Die Vereinten Nationen sind
zwar in das neue Machtgefüge an Euphart und Tigris eingebaut, die
letzten Entscheidungen werden jedoch nach wie vor Amerikaner und Briten
treffen.
Die Wirklichkeit ist trotzdem nicht so einfach. Denn nach dem militärischen
Durchmarsch im Frühjahr verläuft für die Besatzer nichts
mehr nach Plan. Der abrupte Wechsel vom Pentagon-Vertrauten Jay Garner
als US-Regent im Zweistromland zu dem aus dem State Department kommenden
Zivilverwalter Paul Bremer ist das Eingeständnis des Scheiterns der
bisherigen Stabilisierungsversuche. Das anhaltende Chaos im Irak droht
den
politischen Gewinn des gewonnenen Krieges zu überschatten. Durchaus
möglich, dass die UNO mit ihrem Know How bei staatlichem Wiederaufbau
letztlich eine viel größere Rolle spielen wird, als das die
rechten Strategen in Washington wünschen. Einen permanenten Konfrontationskurs
gegen das siegreiche Bush-Amerika konnten und wollten die Kriegsgegner
nicht riskieren. Sie hoffen, dass amerikanische Kurskorrekturen schon
allein durch die Wirklichkeit erzwungen werden.
Einen Reality Check zwingt die irakische Nachkriegszeit auf jeden Fall
den amerikanischen Geheimdiensten auf: das Repräsentantenhaus verlangt
von CIA-Chef George Tenet Aufklärung über den Wahrheitsgehalt
der gegen Saddam Hussein gerichteten Beschuldigungen zum Thema Massenvernichtsungsmitteln
und Al Kaida-Verbindungen. Im Senat will der Demokrat John Rockefeller
wissen, wer Colin Powell bei seinem UNO-Auftritt Anfang des Jahres mit
gefälschten Unterlagen über irakische Urankäufe ausgestattet
hat. Ob hier die ersten Schritte zum Eingeständnis jener Unwahrheiten
getan werden, mit denen man während Monaten die Trommeln für
die Legitimierung des Angriffs auf den Irak gerührt hatte?
Wie man Unwahrheiten eingestehen kann, ohne die eigene Glaubwürdigkeit
zu verlieren, das hat dieser Tage die "New York Times" mit der
schonungslosen Offenlegung aller Fehler im Zusammenhang mit den gefälschten
Berichten des jungen Jayson Blair gezeigt. Der lügnerische Nachwuchsreporter
hatte unter anderem von seiner Brooklyner Wohnung über die Gefühle
der im hintersten Winkel von West Virginia lebenden Eltern von Jessica
Lynch, der in der angeblich kühnsten Befreiungsaktion des gesamten
Krieges aus irakischer Kriegsgefangenschaft heimgeholten Soldatin, phantasiert.
Weil der junge Fälscher schwarz war und mit Hilfe der gezielten Förderung
von Minderheiten im altehrwürdigen Medienhaus an der Ostküste
so schnell hochgekommen ist, wird sein Fall bei manchen amerikanischen
Konservativen als Argument gegen die Politik der "affirmative action"
angeführt.
Die Akteure einer anderen Fälschung sind dagegen weiß und ein
Wort der Entschuldigung hat man aus ihrem Mund bisher nichts gehört:
denn offensichtlich war die gesamte sogenannte "Befreiungsaktion
Jessica Lynch" eine reine Inszinierung gewesen. Das zumindest berichtet
die britische BBC-Dokumentation "War Spin". Die verletzte US-Soldatin
war zum Zeitpunkt ihrer "Befreiung" längst nicht mehr gefangen.
Die irakischen Bewaffneten hatten das Spital verlassen und die irakischen
Ärzte hatten selbst tagelang vergeblich versucht, Jessica Lynch den
Amerikanern zu übergeben. Als die Special Forces das Spital in Nassiriyah
nächtlich stürmten, gab es nicht den geringsten Widerstand.
Jessica Lynch kann sich an die Tage ihrer Gefangenschaft sicherheitshalber
nicht mehr erinnern. Lange gehalten hat die heroische Mär von ihrer
Befreiung nicht.
Ähnlich widersprüchlich erweisen sich bei genauerem Hinsehen
die Resultate der gesamten Medienpolitik des Pentagon während dieses
Krieges. Einerseits demonstrierte die kontrollierte Öffnung der US-Streitkräfte
durch die Einrichtung der "eingebetteten" Kriegsberichterstatter
das ungeheure Selbstbewußtsein der größten Militärmacht
der Erde. Hat es doch seit dem Vietnamkrieg keine Armee mehr gewagt Journalisten
so viel Zutritt zu geben wie diesmal Donald Rumsfeld. Die Live-Bilder
von den unwiderstehlich vorrückenden Panzern der US-Infantrie haben
die letzten Reste des Vietnam-Syndroms beseitigt, das in den USA jeden
ausländischen Militäreinsatz mit dem Schatten des potentiellen
Scheiterns versehen hatte. Aber das selbstkritische "Project for
Excellence in Journalism" in Washington DC hat festgestellt, dass
94 Prozent der im amerikanischen Fersehen gezeigte Stories der "embedded
reporter" nüchterne Tatsachenberichte waren. Darunter auch viele,
die die amerikanischen Kriegsführung keineswegs nur im positiven
Licht erscheinen ließen. Probleme mit dem Nachschub oder der unerwartete
Widerstand von irakischen Zivilisten sind überhaupt erst durch Reporter
von der Front bekannt geworden. Die Bilder dieses Krieges sind damit der
Wirklichkeit um vieles näher gekommen als die unrepräsentativen
Zielvideos der "intelligenten Bomben" aus dem ersten Golfkrieg.
Gleichzeitig stand den internationalen Medien auch die umfangreiche Berichterstattung
der arabischen Fernsehsender Al Jazeera und Abu Dhabi TV über zivile
Opfer und Fehltreffer zur Verfügung: weit entfernt davon automatisch
einen medialen Einheitsbrei zu produzieren, hat die Globalisierung der
Medienwelt ein Ausmaß an unterschiedlichen Zugängen ermöglicht,
das schließlich auch dem Pentagon zu gefährlich wurde. Beim
US-Bombenangriff auf das Al Jazeera-Büro in Bagdad hat ein Kameramann
mit seinem Leben dafür bezahlt.
Das alles bedeutet: nie zuvor wußte die Welt so schnell so viel
über einen Krieg, wie im Fall des Irakkonflikts. Trotz der Propaganda
von allen Seiten und auch auf Grund der neuen Medienpolitik des Pentagon.
Bei den großen amerikanischen Fernsehsendern dominiert trotzdem
nach wie vor der sogenannte "Fox Effekt" des patriotischen Überschwangs,
benannt nach dem gleichnamigen stark rechtslastigen Nachrichtenkanal des
australischen Medienmoguls Rupert Murdoch. Aber das Bild vom ungebrochenen
medialen Hurrahpatriotismus trügt. Auf dem amerikanischen Markt steigt
die Nachfrage nach dem Nachrichtenkanal der BBC . Der britische Sender,
der sich gerade in diesem Krieg scharf von der Einseitigkeit mancher US-Medien
abgegrenzt hat, wird in amerikanischen Kabelhaushalten inzwischen genauso
oft eingeschaltet wie CNN.
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