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Rechtstrend
in Europa, 12.06.2002
Auch wenn die Zusammensetzung
der französischen Nationalversammlung erst im zweiten Wahlgang entschieden
wird: Jacques Chirac hat mit seinem Konfrontationskurs gegen die extreme
Rechte klar gepunktet. Seine Konservative Präsidentschaftspartei
wird höchstwahrscheinlich in einer Woche etwas schaffen, wovon die
meisten Parteikollegen in der EU nur träumen können: eine Regierungsbildung
ohne die für Viele anstößige Allianz mit unberechenbaren
Populisten.
Der europaweite Trend nach rechts wird damit bestätigt. Aber Frankreich
ist trotzdem anders: die gemeinsame Kraftanstrengung aller Demokraten,
die Le Pen im Präsidentschaftswahlkampf in die Schranken gewiesen
hat, wirkt nach.
Dass Rechtspopulisten prädestiniert sind, auf der politischen Bühne
des alten Kontinents eine stets wachsende Rolle zu spielen, erscheint
nicht mehr so ganz sicher. Wie Chirac, von der Linken mit zusammen gebissenen
Zähnen unterstützt, in Frankreich gegen Le Pen eine klare Grenzlinie
zog, so versucht das in Deutschland Gerhard Schröder gegen Jürgen
Möllemann. Die Vorzeichen sind ein bisschen anders, aber grundsätzlich
steht auch in Deutschland die Politik vor der Frage, wie man mit dem Tabubruch
des großsprecherischen FDP-Vize umgehen soll. Ist doch dessen Bemühen
die FPD ausgerechnet durch gezielte Brutalattacken gegen den streitbaren
Juden Michael Friedman in Richtung 18 Prozent zu katapultieren, ein unübersehbarer
Versuch an die jüngste rechtspopulistischen Erfolgssträne in
Europa anzuknüpfen. Und die ist zweifelsohne keineswegs gebannt.
Wie wenig rechter Populismus auf einstige geopolitische Blockgrenzen Rücksicht
nimmt, zeigt Polen, wo ein linker Wahlsieg vor einem Jahr das Bild vom
Vormarsch der Rechten konterkarrierte: der antisemitische Rechtsaussen
Andrzej Lepper kommt mit 17 Prozent in den Meinungsumfragen inzwischen
haarscharf an die von Möllemann ersehnte Traummarke heran.
Einen Rechtsruck haben auch die USA hinter sich. Wie in den Zeiten Ronald
Reagans und Margeret Thatchers marschiert man diesseits und jenseits des
Atlantiks im politischen Gleichklang. Aber die USA haben die Zeit der
rechtspopulistischen Revolten hinter sich. Ross Perots Aufstand gegen
das Establishment loderte nur wenige Jahre und auch Pat Buchanan, Schreckgespenst
so mancher republikanischer Präsidentschaftskandidaten, ist wieder
Buchautor und Fernsehdiskutant. Die Größe des Landes und die
schier unüberwindlichen Hürden beim Aufbau einer gesamtamerikanischen
Partei haben die Etablierung einer fixen rechtspopulistischen Kraft im
amerikanischen Politspektrum verhindert. George W.Bush regiert zwar in
innerparteilicher Allianz mit der christlichen Rechten, deren prominentester
Repräsentant im wichtigen Sessel des Justizministers sitzt, die Sprengkraft
einer unkontrollierbaren Konkurrenz von rechts fehlt zur Zeit jedoch in
Amerika. Nachdem er die Nationale Front so erfolgreich in die Schranken
gewiesen hat, hat Jacques Chirac die Chance auf eine vergleichbare Autorität
im eigenen Lager.
Die angekündigte EU-weite
Koordination werden Europas Rechtspopulisten wohl trotz des Rückschlags
in Frankreich versuchen. Jürgen Möllemann hat sich ungeachtet
seines Lobs im "Neuen Deutschland" für den "Aufstand
der Demokraten" unter Jörg Haider dessen Ratschläge zwar
rüde verboten, aber immerhin der belgische Vlaams Blok kann sich
eine gemeinsame Kandidatur mit der österreichischen FPÖ gut
vorstellen. Klar: Die nationalen Traditionen führen zu großen
Unterschieden im Erscheinungsbild. Mit den archaischen Vorurteilen des
Italieners Bossi gegen Homosexuelle wollen etwa die politischen Erben
Pim Fortyuns in Holland nichts zu tun haben. Und die Ullrichsberg-Verbeugungen
des Österreichers Jörg Haider sind einem Jean-Marie Le Pen fremd,
der gerne daran erinnert, dass er aus einer Familien von Deportierten
stammt. Der Vorwurf, im algerischen Kolonialkrieg als Folterer gewirkt
zu haben, ist wiederum ein Spezifikum des französischen Rechtsaussen.
Der Bau einer Internationale der Nationalisten erscheint dementsprechend
ein schwieriges Unterfangen. Trotzdem operieren all diese Gruppen mit
den gleichen Themen: Xenophobie manchmal mit antisemitischen Untertönen,
dem Charisma eines gegen das politische Establishment rebellierenden Führers,
aggressivem Hass gegen die Linke und Anti-EU-Parolen.
Konfrontiert mit dieser Art von Herausforderung reagieren amtierende Sozialdemokraten
wie Tony Blair oder Gerhard Schröder nicht so ganz anders als ein
Jacques Chirac: zur politischen Abgrenzung kommt der Versuch den rechten
Rebellen thematisch den Wind aus den Segeln zu nehmen. Während der
Franzose mit Law and Order-Parolen punktet, versucht sich Gerhard Schröder
im populären Schlagabtausch mit der EU-Kommission. Und Tony Blair
möchte den bevorstehenden EU-Gipfel in Sevilla gemeinsam mit dem
konservativen Spanier Jose Maria Aznar unter das Vorzeichen des Kampfes
gegen die illegale Einwanderung stellen. Die EU als Anti-Ausländerprojekt
vielleicht gar mit "Europäer zuerst"-Parolen? Die Versuchung
scheint gross zu sein, ungeachtet aller Berechnungen der Kommission, wie
sehr Wirtschaft und Sozialsystem eines überalterten Kontinents auf
Einwanderung angewiesen sind.
Wo opportunistisches Schielen auf den nationalistischen Modetrend am gefährlichsten
werden könnte, das sind Fragen der EU selbst. Von der vorsichtigen
EU-Skepsis bis zur offenen "Los von Brüssel"-Stimmung reicht
die Palette im rechtspopulistischen Lager. Mit Regierungen, die glauben
auf solche Vorstellungen eingehen zu müssen, werden sowohl die Erweiterung
als auch die dringend nötigen nächsten Schritte in Richtung
politischer Union eine Zitterpartie.
Für Grüne und Linke in Europa mag es angesichts der so gut wie
sicheren Abwahl der gemeinsamen Regierung der "gauche plurielle"
in Paris ein Trost sein, dass Trends nie ohne Gegentrends ablaufen. Selbst
in den konservativen Achtzigerjahren Thatchers und Kohls hielt sich im
Elysee erfolgreich ein Francois Mitterand. Und tatsächlich hat die
wachsende Mobilität der Wähler nach enttäuschenden rechten
Regierungsjahren in Polen und Ungarn Sozialdemokraten an die Macht geführt.
Aber der große Meinungsstreit mit dem Rechtspopulismus prägt
auch in diesen Ländern den politischen Alltag, wie die außerparlamentarischen
Oppositionsplänen Viktor Orbans in Ungarn oder das Rabaukentum des
polnischen Bauernführers Andrzej Lepper in Warschau zeigen.
Der aktuelle Dämpfer für Le Pen kann nicht darüber hinwegtäuschen,
dass die Zukunft Europas von der Auseinandersetzung mit den von ihm und
seinesgleichen vertretenen Ideen genauso abhängt, wie von der demokratischen
Routine eines Wechsels zwischen linker Regierung und rechter Opposition
oder umgekehrt.
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