Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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"Falter" - Artikel

 

 

Die Rosenbergs, 24.6.2003

Der "New York Times" war der Jahrestag ein Editorial wert: die Hinrichtung von Ethel und Julius Rosenberg gilt für das Blatt nicht nur als eines der schlimmsten Fehlurteile der amerikanischen Justizgeschichte, sondern auch als Warnung vor dem Unrecht, das geschehen kann, wenn eine Angstpsychose die ganze Nation erfaßt. Der Bezug zur Gegenwart ist eindeutig. Das Ehepaar Rosenberg, Eltern zweier kleiner Kinder, war wegen Atomspionage für die Sowjetunion zum Tode verurteilt worden. Bis zum letzten Atemzug hatten die jungen Kommunisten ihre Unschuld beteuert. Als der Henker im Morgengrauen des 19.Juni 1953 in der Todeszelle des New Yorker Sing Sing-Gefängnisses den Schalter zum Elektrischen Stuhl um legte, da demonstrierten Tausende am Times Square und Zehntausende in der ganzen Welt. Die USA hatten gerade im Koreakrieg zehntausende Soldaten verloren und man glaubte sich am Vorabend des Dritten Weltkrieges. Dass die Sowjetunion das Atommonopol gebrochen hatte, möglicherweise mit Hilfe amerikanischer Kommunisten, war ein Schock, der das ganze Land verunsicherte.
Die Fakten sind ein halbes Jahrhundert später eindeutig. Verratene Details aus dem Manhatten Project der amerikanischen Atomforschung hatten tatsächlich einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der sowjetischen Atombombe. Die amerikanischen Kommunisten, die seit den Dreißigerjahren über nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Intelligenz verfügten, waren idealistische Kritiker des amerikanischen Kapitalismus, aber sie agierten auch als fünfte Kolonne der Stalin'schen Sowjetunion. Die Unterwanderungsversuche, die Senator Joseph McCarthy zum Anlass für seine patriotische Hexenjagd gegen Linke nahm, hat es wirklich gegeben. Julius Rosenberg, ebenso wie Ethel Mitglied der KP, hat jahrelang für Moskau Industriespionage betrieben.
Von "Teilschuld", von der oft geschrieben wird, kann trotzdem keine Rede sein: mit Atomspionage hatten die Rosenbergs nichts zu tun. Das bestätigen die amerikanischen Abhörprotokolle, die unter dem Namen "Venona Dossier" vor kurzem veröffentlicht wurden, ebenso wie die meisten Memoiren ehemaliger Geheimdienstoffiziere in Moskau. Im Sinne der Anklage waren die Rosenbergs unschuldig. Kronzeuge der Anklage war der Bruder Ethels gewesen. Er gesteht inzwischen offen ein, dass er seine Schwester fälschlicherweise beschuldigt hat, um seine eigene Haut zu retten. Der Prozess war ein Skandal und der McCarthysmus, der zu Beginn des Kalten Krieges das Klima in den USA geprägt hat, ein Schandfleck der amerikanischen Demokratie.
Die Parallelen zur Aktualität liegen auf der Hand. Unisono denunzieren Menschenrechtsorganisationen den rechtlosen Zustand der 670 Gefangenen Taliban- und Al Kaida-Kämpfer in Guantanamo. Selbst der Generalinspektor des Justizministeriums kritisiert, wie die amerikanischen Behörden hunderte Ausländer aus dem Nahen Osten behandeln, die wegen Terrorismusverdacht festgehalten werden, denen man aber nur Verstöße gegen die Einwanderungsgesetze anlasten kann. Die terroristische Bedrohung ist trotzdem real. Sowohl in den USA als auch in Westeuropa gibt es islamisch-fundamentalistische Terrorzellen, die an der Wiederholung eines Anschlags vom Typus des 11.September arbeiten. Die staubtrockene Chefin des britischen Inlandsheimdienstes MI5 hält eine Attacke mit einer sogenannten "schmutzigen Atombombe" in einer westlichen Großstadt auf die Dauer für so gut wie sicher. Nicht ausgeschlossen, dass sich aus den Verhören der Guantanamo-Häftlinge tatsächlich wichtige Informationen ergaben, die für die Abwehr solcher Katastrophen lebenswichtig sind, wie das FBI behauptet.
John Ashcroft, der weit rechts stehende Justizminister, glaubt auf jeden Fall entgegen vieler Expertenmeinungen an die abschreckende Wirkung härterer Strafen. Er verlangt das Recht auf unbegrenzte Inhaftierung von Terrorverdächtigen und häufigere Todesstrafen bei Terrorprozesses. Dass sich dank der Technik von DNA-Analysen landesweit Dutzende Todesurteile der normalen Rechtssprechung als Irrtum herausgestellt haben, berührt ihn nicht. Für die geplanten Militärprozesse in Guantanamo hat der Präsident Staatsanwalt und Verteidiger nominiert und sogar an den Bau von Todeszellen und Hinrichtungsstätten ist gedacht. Wie neue Anschläge durch solche Maßnahmen verhindert werden können, ist höchst fraglich. Dafür ist die Aufweichung des Rechtsstaates unter den Bedingungen der Bedrohung von außen, sei das im Kampf mit dem stalinistischen Gegenüber zu Beginn des Kalten Krieges oder im gegenwärtigen Krieg gegen den Terrorismus, sicher.
Im Prozeß gegen die Rosenbergs wollte der Staatsanwalt durch die Forderungen nach der Todesstrafe vor allem erreichen, dass die Angeklagten ihre Mitverschwörer preisgeben. Als überzeugte Kommunisten gingen die Beiden jedoch in den Tod und wurden die einzigen wegen Spionage Hingerichteten der amerikanischen Geschichte. Deals jeder Art gehören schon in der normalen amerikanischen Rechtssprechung zum Alltag. Wenn die nationale Sicherheit hineinspielt, dann verselbständigt sich diese Logik mit atemberaubendem Tempo.
Linksliberale Amerikaner sehen in John Ashcroft, dem christlich-fundamentalistischen Justizminister, der jeden Arbeitstag mit einem Gebet beginnt, als den Joseph McCarthy unserer Tage. Nach der Hinrichtung der Rosenbergs hat es noch Jahre gedauert, bis das unsägliche "Komitee zur Untersuchung unamerikanischer Aktivitäten" aus der Mode kam und sein Initiator Joseph McCarthy als Betrüger entlarvt wurde. Den Kalten Krieg haben die USA im Wettrüsten gewonnen und unter der Fahne von Demokratie und Menschenrechten. Wie lange die unter dem Titel "USA Patriotic Act" zusammengefaßten Ausnahmegesetze gelten sollen steht im amerikanischen Kongress zur Zeit zur Debatte. Normalerweise laufen die Gesetze 2006 aus, aber nur sehr langsam geht das durch die Anschläge des 11.September ausgelöste Gefühl der unmittelbaren Bedrohung zurück, das zu der politischen Angstpsychose der vergangenen eineinhalb Jahre geführt hat. Ob im Kampf gegen den Terrorismus Todesurteile gefällt werden müssen, bevor dieses Kapitel abgeschlossen ist?


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