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Jagd auf
Saddam, 20.02.2002
Dass man mit Diktatoren verhandelt
und Kriegsherrn die Hand schüttelt, gehört zum Alltag internationaler
Politik. Jörg Haider geriet mit seiner Visite bei Saddam Hussein
jedoch unvermutet in den Wirbelwind einer sich neu aufbauenden amerikanischen
Kriegsfront. Ausgerechnet in der Woche, in der in Washington selbst der
bislang zögernde Außenminister Collin Powell auf den Kurs einer
langfristig angelegten Offensive zum Sturz des irakischen Diktators eingeschwenkt
ist, entschloss sich Haider zu der eigenartigen Reise nach Bagdad, für
die er bis heute einen ernsten Hintergrund schuldig geblieben ist. Nur
ein tete a tete mit Osama bin Laden persönlich hätte den negativen
PR-Effekt übertreffen können. Am gleichen Tag meldete der britische
"Guardian" Invasionspläne des amerikanischen Generalstabs
für den Frühsommer mit 200 000 Soldaten.
Dementsprechend die für die österreichische Diplomatie überraschend
prompte Reaktion des State Departments, das eine Erklärung Österreichs
vor dem Irak-Sanktionsausschuss der Vereinten Nationen in New York erwartet.
Ein ungewöhnlicher Vorgang, kann sich doch niemand daran erinnern,
dass ein EU-Mitgliedsstaat je einer derart peinlichen Untersuchung unterzogen
worden wäre. Normalerweise sind es syrische Geschäftsleute,
jordanische Händler oder russische Rüstungsfirmen, die in den
Verdacht kommen, das UNO-Sanktionsregime gegen den Irak zu durchbrechen.
Der Warnschuss aus Washington in Richtung Wien hängt direkt mit den
wachsenden Differenzen zwischen Europa und Amerika in der Frage der Irakpolitik
zusammen. Während die Bush-Administration ausdrücklich keine
Option ausschließt und bewußt die Drohung einer militärischen
Intervention aufrecht erhalten will, lehnen die EU-Regierungen eines solchen
Kurs ab. Die demonstrative Einigkeit im Kampf gegen den Terrorismus seit
dem 11.September scheint langsam aber sicher zu zerbrechen. Unisono warnen
Frankreichs Außenminister Hubert Vedrine und Deutschlands Joschka
Fischer davor, Europa dürfe nicht zum "Satelliten" der
USA werden. Und sogar der sonst betont proamerikanische EU-Kommissar Chris
Patten sieht in den unilateralistischen Instinkten der USA eine Gefahr
für die Weltpolitik.
Logisch, dass die USA in einer derart angespannten Situation die schleichende
Durchlöcherung der bestehenden Irak-Sanktionen gerade durch ein EU-Mitglied
nicht hinnehmen wollen. Für die UNO sei das eine Frage des Prinzips,
erläutert der norwegische Sprecher des Sanktionskomitees, und das
ist unabhängig davon, welches Ausmaß die mögliche Verletzung
der Embargoregeln hat. Allerdings ist es durchaus möglich, dass sich
die USA mit der österreichischen Versicherung zufrieden geben mögliche
Verletzungen internationalen Rechts könnten auf heimischem Boden
geahndet werden. Dann könnte die penliche Behandlung der Causa Haider-Saddam
vor der UNO doch noch vermieden werden.
Weniger wahrscheinlich ist allerdings, dass die USA sich auch so leicht
von ihrer politisch-militärischen Offensive gegen Saddam Hussein
abbringen lassen. Zwar ist man von einer Invasion, die der "Guardian"
als fix ausgemacht ankündigt, noch weit entfernt. Selbst der vergleichsweise
bescheidene Aufmarsch gegen die afghanischen Taliban hat acht Wochen gedauert.
Für die Eroberung Bagdads wären nicht zehntausende sondern hunderttausende
amerikanische Soldaten nötig, eine solche Mobilisierung würde
Monate dauern. Bis jetzt ist gegen Saddam Hussein nicht der Bruchteil
jenes internationalen Konsenses gegeben, der den USA im Kampf gegen Taliban
und Al Qua`ida den Rücken gestärkt hat. Ein politischer Feldzug
gegen die irakische Führung rund um die Frage der Zulassung internationaler
Waffeninspektoren ist wohl sicher. Ob am Ende tatsächlich eine militärische
Konfrontation stehen wird, läßt sich heute noch nicht sagen.
Ein Argument hat die Bush-Administration zweifelsohne auf ihrer Seite:
die bisherige Politik gegen Saddam Hussein steckt in einer Sackgasse.
Zwar hat der durch die britischen und amerikanischen Patrouillenflüge
umgesetzte militärische Druck zumindest den Kurden im Norden die
Möglichkeit zu einem de facto Staat außerhalb der Kontrolle
Bagdads gegeben. Das Regime selbst zeigt sich von den nun schon mehr als
10 Jahre dauernden Sanktionen jedoch ungerührt, während die
Zivilbevölkerung dem verheerenden doppelten Druck der totalitären
Diktatur und der internationalen Blockade ausgesetzt ist.
Mehrere Chancen haben die USA verstreichen lassen, Saddam zu stürzen:
den Aufstand der Schiiten im Süden ließ man niederkartätschen
nachdem sich George Bush Sr. nach der Befreiung Kuwaits gegen einen Marsch
auf Bagdad entschieden hatte. Ende der Neunzigerjahre blieb eine weitverzweigte
Offiziersverschwörung ohne amerikanische Unterstützung, hunderte
Oppositionelle wurde hingerichtet. Gleichzeitig blockiert die ökonomische
Isolation und wiederholte Luftangriffe die Normalisierung der irakischen
Gesellschaft.
Den Preis dieser blockierten Situation zahlen vor allem die Untertanen
Saddam Husseins. Ähnlich wie unter den Taliban ist eine ganze Generation
durch Unterernährung, mangelnde medizinische Versorgung und totalitäre
Gehirnwäsche von oben gezeichnet. Für sie wäre eine Fortsetzung
des Bisherigen die schlimmste Variante. Manche irakische Oppositionelle
sehen in der Perspektive einer raschen Totalkonfrontation des Regimes
zu den USA die Möglichkeit zu einem Neubeginn. Sie glauben, dass
proamerikanische Truppen in Bagdad ähnlich als Befreier empfangen
würden, wie die Nordallianz in Kabul. Nach Jahren der Sanktionen
sei das Regime heute auch militärisch viel schwächer als zur
Zeit des Golfkrieges. Die Hoffnung der amerikanischen Falken auf einen
raschen Zusammenbruch Saddams im Fall eines Krieges sei daher voll gerechtfertigt.
Klar: das wirtschaftliche und militärische Potential des Irak ist
auch nach Jahren der Blockade mit Afghanistan nicht zu vergleichen und
Analysen wie diese sind bei Sicherheitsexperten heiß umstritten.
Leichtfertig beiseite zu schieben sind sie allerdings nicht. Auch die
amerikakritischen Europäer verlangen eine Änderung der Irak-Politik
und plädieren dafür, das Sanktionsregime zu überdenken.
Sie stört vor allem die Selbstherrlichkeit, mit der die Vereinigten
Staaten den Irak je nach innenpolitischen Erfordernissen zur Gefahr für
die Welt erklären oder nicht. Schließlich hatte auch Bill Clinton
am Höhepunkt der Lewinsky-Affaire plötzlich die Gefährlichkeit
der irakischen Massenvernichtungsmittel in den Vordergrund gestellt und
mit einigen Cruise Missiles reagiert. Wochen später war das Thema
wieder verschwunden.
Im kommenden Monat wird US-Vizepräsident Dick Cheney mit dem amerikanischen
Irak-Dossier im Koffer in die Region reisen. Spätestens dann wird
sich zeigen, welche Strategie die USA gegenüber dem irakischen Regime
einschlagen werden und wie groß die Differenzen zu den Verbündeten
in der arabischen Welt und in Europa tatsächlich sind. Für Gesten,
die als Provokation ohne tieferen Hintergrund gedacht sein mögen,
sich aber auch als Freundschaftserklärung für das irakische
Regime interpretieren lassen, ist unter diesen Rahmenbedingungen kaum
mit Verständnis zu rechnen.
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