Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Sexed Up, 23.7.2003

Situationen, in denen der weltweite Common Sense als gefährlicher Extremismus gilt, sind in Konfliktsituationen nicht ungewöhnlich. Alle Welt ist gegen uns, wir allein wissen, worum es wirklich geht, lautet das chauvinistische Credo, wenn das Vaterland in Gefahr ist. Stets gehört das Feindbild "Presse" zu den fixen Merkmalen einer solchen nationalen Bunkerstimmung . Entweder stehen Nestbeschmutzer aus den eigenen Reihen am Pranger oder man glaubt es mit einer ausländischen Verschwörung zu tun zu haben. Chauvinistische Phantasien in unseren Breitengraden unterstellen diese gerne als Produkt einer Verschwörung an der "Ostküste". In Israel ist der Reflex umgekehrt: unbequeme Wahrheiten, die dem Land von außen vorgehalten werden, schubladiert man regelmäßig als antisemitisch. Das mußte die BBC erleben, nachdem die mit "Israel's Secret Weapon" übertitelte atemberaubende Dokumentation über Israels geheimes Atomprogramm erstmals über den Sender gegangen ist. "Diese Beschuldigungen erinnern an schlimmste antisemitische Auswüchse," donnerte der Chef des Pressebüros der Regierung in Jerusalem, Daniel Seaman, in Richtung London. Man habe es mit einer Dämonisierung Israels zu tun, die an die Auslassungen des " Stürmer"s herankomme.
BBC-Journalistin Olenka Frenkiel hat ganz offensichtlich an ein Thema gerührt, dass auch nach bald einem halben Jahrhundert noch ein Tabu ist. Denn ziemlich genau 4o Jahre ist es her, dass die amerikanische Regierung erstmals über das israelische Atomprogramm informiert wurde. Seither kann die Entwicklung israelischer Massenvernichtungsmittel nicht wirklich mehr als "geheim" bezeichnet werden: die Regierungen der Welt wissen davon, und seit der nun in Israel inhaftierte Nuklearphysiker Mordechai Vanunu vor 17 Jahren gegenüber der "Sunday Times" sein Wissen offengelegt hat, ist auch die internationale Öffentlichkeit voll informiert. Gegen die Fakten der BBC-Dokumentation war dementsprechend kaum etwas vorzubringen. Was schmerzte, war die Zerstörung eines politisch opportunen Scheins: des Scheins, dass niemand über Atombomben oder biologische Waffenlabors Bescheid weiß, deren Existenz in Wirklichkeit ein wesentliches Element des strategischen Kräfteverhältnisses im Nahen Osten ausmachen. Israel, dem diese Waffen für den schlimmsten Ernstfall der existentiellen Bedrohung Sicherheit geben sollen, braucht diesen Schein in Wirklichkeit weniger als die USA oder die arabischen Nachbarstaaten. Hat das israelische Schweigen doch schon zahlreichen US-Präsidenten unangenehme Fragen nach den unterschiedlichen Maßstäben gegenüber Staaten mit Massenvernichtungsmitteln erspart. Und hilft die Geheimnistuerei um Israels Waffen großmäuligen arabischen Potentaten die hoffnungslose Unterlegenheit der eigenen Armeen vor ihrem Volk zu verstecken.
Aber mit Lebenslügen läßt sich auf Dauer kein Friede schaffen. Vom Blick der ungeliebten BBC auf den Nahen Osten könnte eine Politik, die auf Realitäten aufbaut und nicht auf Mythen, mehr profitieren als der Sturm der Empörung in der israelischen Rechten vermuten läßt.
In Großbritannien liegt einer der Vorteile der langen demokratischen Tradition darin, dass der kritisch-distanzierte Blick von der staatseigenen Rundfunkanstalt BBC kommen kann. Wobei die Reaktionen der Staatsmacht nicht weniger überdreht sind, als jene gegen einen medialen Außenfeind. Das war schon bei Margaret Thatcher so, die dem Sender während des Falklandkrieges fehlenden Patriotismus vorhielt. Aber das waren harmlose Scharmützel gegen die Schlacht, die dieser Tage Labourpremier Tony Blair der ehrenwerten Anstalt liefert. Der Mikrobiologe David Kelly, dessen Selbstmord dem Erfolg gewohnten Blair die schlimmste Krise seiner gesamten politischen Laufbahn bereitet, wurde in Wirklichkeit das Opfer eines propagandistischen Gegenangriffs der Regierung: mangels irakischer Massenvernichtungswaffen machte Blair-Informationschef Alastair Campbell die letztlich nebensächliche Frage der BBC-Berichterstattung zum zentralen Thema.
Tagelang diskutierte die Öffentlichkeit, ob BBC-Korrespondent Andrew Gilligan für seine Behauptung, das Büro des Premierministers habe für die Warnung, irakische Massenvernichtungsmittel könnten innerhalb von 45 Minuten startklar sein, Geheimdienstberichte aufgemotzt, auch die richtigen Quellen hatte. "Sexed up" hieß die Wortkreation der BBC für die politisch motivierte Übertreibung geheimdienstlicher Berichte. Wohlgemerkt: der Streit geht nicht um Quellen über mögliche verbotene Waffen Saddam Husseins, sondern Quellen allein für die Behauptung, Downing Street und nicht die Geheimdienste seien der Ursprung für die behauptete 45-Minutenfrist. Dass davon völlig unabhängig ganz offensichtlich vom Irak keine akute Bedrohung ausgegangen ist und Blairs Kriegsgrund damit falsch war, trat in den Hintergrund. Jetzt ist David Kelly tot und Blairs Team schießt aus allen Rohren auf die ursprünglich als Labour-Sympathisanten geltenden BBC-Chefs Greg Dyke und Gavyn Davies. Die "Beep" ist nämlich in die Defensive geraten. Denn dass David Kelly die entscheidende Quelle für die Behauptung war, das Büro des Premierministers habe Geheimdienstberichte übertrieben, könnte ein professioneller Fehler gewesen sein. Kelly war nämlich ein weltweit anerkannter Mikrobiologe und Experte für biologische Waffen, aber kein Geheimdienstmann.
Wie lange dieser Stellvertreterkrieg von der viel entscheidenderen Frage nach der Glaubwürdigkeit des Blairschen Kriegsgrundes ablenken kann, wird sich weisen. Die BBC als Ersatz-Außenfeind für eine britische Regierung ist kein gutes Omen. Die betont ausgewogene Kriegsberichterstattung aus Bush House, die für Blair der eigentliche Stein des Anstoßes ist, kommt gleichzeitig jenseits des Atlantiks auffällig gut an. Auf dem amerikanischen Fernsehmarkt gehört die BBC zu den großen Gewinnern der Kriegsberichterstattung. Die Zahl jener, die von der im US-Fernsehen tonangebenden Einseitigkeit genug hatten und nach Alternativen beim fremdartigen britischen Außenseiter suchen, ist größer als erwartet. Der klare Blick a la BBC, ob von außen kommend oder nicht, hat sich für demokratische Gesellschaften noch immer ausgezahlt.

 

 

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