Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Ende der Straflosigkeit, Falter, 3.9.2003


Herrero, Silvia Blanca, 12-1-77, Lezama, Graciela M., 9-12-76, Wejeman Glas Ester, 4-3-77. Viele Jahre sind die Bilder junger Frauen und Männer, die in der grausamen Zeit der Militärdiktatur in Argentinien verschwunden sind, von den demonstrierenden "Müttern des Plaza de Mayo" in den dichten Autoverkehr der Hauptstadt Buenos Aires gehalten worden. Oft angefeindet, manchmal bemitleidet, aber von der großen Politik konsequent ignoriert haben hunderte Angehörige mit einer an Verzweiflung grenzenden Beharrlichkeit Sühne für die Verbrechen der Militärs gefordert. Alle demokratisch gewählten Präsidenten Argentiniens hatten sich mit den Streitkräften arrangiert. Selbst auf die wenigen Schuldsprüche folgten prompt Begnadigungen.
Jetzt endlich scheint das Ende der Straflosigkeit für die Ermordung von über 30 000 Regimegegnern zwischen 1976 und 1983 möglich. Es war paradoxerweise der wirtschaftliche und politische Totalkollaps des vergangenen Jahres, der zur Kehrtwende geführt hat. Denn der neue argentinische Präsident, Nestor Kirchner, mit nur etwas mehr als 20 Prozent der Stimmen gewählt, sah nur einen Weg die zerstörte Glaubwürdigkeit der Politik wiederherzustellen: den Bruch mit den traditionellen Eliten, der zu einem unbelasteten Neuanfang führen soll. Kirchner schickte also hunderte hohe Offiziere und Polizisten in Pension, ließ korrupte Richter absetzen und wagte gar den größten aller Tabubrüche: vom argentinischen Parlament ließ er jene Amnestiegesetze annullieren, die 2395 unter schwerem Verdacht stehenden Militärangehörigen bisher Straffreiheit garantiert haben. Noch hat der Oberste Gerichtshof ein letztes Wort zu sprechen, auch in Argentinien ist es nicht so leicht, ein gültiges Gesetz einfach für null und nichtig zu erklären. Aber Tausende haben gejubelt, als sich das Parlament Mitte August in Buenos Aires mit klarer Mehrheit hinter die Linie des Präsidenten gestellt hat. Vergangenheitsbewältigung ist populär in Argentinien: in dem Land, das in den vergangenen Monaten gleich 3 Präsidenten zum Teufel gejagt hat, kann sich Nestor Kirchner über wachsende Zustimmung freuen.
Die Aktivisten der argentinischen Opfervereinigungen waren stets nur eine kleine Minderheit. Für die große Mehrheit standen die durch die verheerende Wirtschaftskrise immer drückender werdenden materiellen Sorgen im Vordergrund. Aber sie haben das Bewußtsein wachgehalten, dass noch immer zehntausende Schicksale unaufgeklärt sind und die Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Dazu kam der Faktor Ausland: immer wieder gab es Auslieferungsanträge gegen Mitglieder der früheren Militärjunta aus Frankreich, Schweden und zuletzt aus Spanien, wo der rührige Untersuchungsrichter Baltazar Garzon vierzig argentinische Offiziere wegen Verbrechen gegen spanische Staatsbürger vor Gericht stellen wollte. Bis zu den ersten Verfahren ist noch ein langer Weg. Das Höchstgericht in Buenos Aires kann versucht sein, die Sache in die Länge zu ziehen. Aber das Land ist dabei, sich der bitteren Realität zu stellen, dass es nicht um Übergriffe oder um einzelne Exzesse der Staatsorgane geht, die man nach so langer Zeit bewältigen will. Das argentinische Militär hat in den späten Siebzigerjahren in Wirklichkeit einen regelrechten Ausrottungskrieg gegen die Linke des Landes geführt. Die peronistischen Montoneros und die Trotzkisten wurden als allererste ermordet, wie der Autor Vazquez Montalban in Erinnerung ruft. Es folgten Gewerkschaftler, Intellektuelle und politische Flüchtlinge. Ganze Parteien wurden ausgelöscht, wobei der Sadismus der Militärs im angeblichen Kampf gegen die kommunistische Subversion vielen auch heute noch die Gänsehaut über den Rücken jagt: da wurden unter Drogen gesetzte Oppositionelle aus Flugzeugen ins offene Meer gestürzt und mit den Kleinkindern getöteter politischer Gefangener setze ein reger Menschenhandel ein. Die argentinische Militärdiktatur hat zehn mal mehr Opfer gefordert als das Regime Augusto Pinochets in Chile.
Der neue argentinische Anlauf zur Vergangenheitsbewältigung steht nicht allein da: in ganz Lateinamerika werden die Menschenrechtsverletzungen früherer Jahre zum Politikum. Chiles Präsident Ricardo Lagos, selbst ein Opfer der Diktatur, will am Vorabend des 11.September, an dem sich der Putsch gegen Salvador Allende zum 32.Mal jährt, das durch den Korpsgeist des chilenischen Militärs erzwungene Schweigen durch neue Gesetze brechen. Erstmals wurde Folteropfern materielle Entschädigung in Aussicht gestellt, ein weitreichender symbolischer Schritt. Pinochet selbst wird aber wohl nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden: chilenische Gerichte haben den 87jährigen in einem von der chilenischen Kommunistischen Partei angestrengten Verfahren neuerlich für verhandlungsunfähig erklärt. In Peru, wo die Zeit der großen Willkür viel weniger weit zurückliegt, hat die neue Wahrheitskommission ihren ersten Bericht vorgelegt: danach sind zwischen 1980 und 2000 69 000 Menschen durch Übergriffe von Militär und Geheimpolizei sowie Aktionen der terroristischen Guerillaarganisation "Leuchtender Pfad" umgekommen. Das ist eine erschreckende Zahl, viel höher als man bisher angenommen hat. Auch in Brasilien, wo die Militärs schon in den Sechzigerjahren, und damit viel früher als im restlichen Lateinamerika, gegen eine linksnationalistische Regierung geputscht haben, hoffen die Angehörigen der Verschwundenen darauf, dass das Schicksal ihrer Angehörigen neuerlichen aufgerollt wird. Zwischen 1964 und 1985 wurden in Brasilien 400 Gewerkschaftsaktivisten und Linke entführt, gefoltert und ermordet. Die brasilianischen Generäle haben als Ausbildner für die massenmordenden Kollegen der Nachbarstaaten in späteren Jahren fungiert und tragen damit eine Verantwortung, die weit über die unmittelbare Opferzahl hinausgeht. Präsident Luiz Inacio Lula da Silva ist als junger Gewerkschaftsführer einst selbst verhaftet worden. Ehemalige Guerilleros sitzen in Schlüsselpositionen seines Kabinetts. Zumindest die Gräber der Verschwundenen sollen jetzt vom Militär auf Druck der Regierung preisgegeben werden und die Angehörigen erhoffen sich materielle Entschädigung.
Lateinamerika hat riesige wirtschaftliche Probleme und schwache demokratische Institutionen. Dafür gibt es aber eine starke Tradition des zivilen Widerstandes. Wenn es mit Hilfe dieser Tradition gelingt nach dreißig Jahren reinen Tisch zu machen mit den Verbrechen, die einst in den "schmutzigen Kriegen" gegen Guerilla und angebliche kommunistische Tradition begangen wurden, dann ist das ein kräftiges Zeichen der Hoffnung. Immerhin sind das Fragen, die in Europa selbst nach einem halben Jahrhundert nicht gelöst sind.

P.S.
Der neue Mut der argentinischen Justiz hat auch der Suche nach der Wahrheit auch die schrecklichsten antisemitischen Anschläge Lateinamerikas wieder in Gang gebracht: in Großbritannien ist der ehemalige iranische Botschafter in Buenos Aires, Hadi Soleimanpur, unter dem Verdacht festgenommen worden, am Attentat gegen das jüdische Gemeindezentrum in der argentinischen Hauptstadt 1994 beteiligt gewesen zu sein. 85 Personen, darunter die Kinder des Gemeindekindergartens, Schüler und Gemeindemitarbeiter sind getötet worden. Ein Jahr später detonierte eine ähnlich verheerende Autobombe vor der israelischen Botschaft. Der Mann beteuert zwar seine Unschuld und die iranische Regierung hat mit schwerwiegenden Konsequenzen gedroht. Aber möglicherweise werden jetzt Gerichte die Möglichkeit haben, den starken Verdacht zu überprüfen, iranische Regierungsstellen seien in die Mordaktionen verwickelt gewesen. Deutlich mehr auf jeden Fall, als man von der Ermordung der kurdischen Politikers Dr. Gassemlou, seines Begleiters Ghaderi-Azar und des österreichischen Kurden Dr. Fadil Rasul 1989 durch iranische Agenten in Wien sagen kann.

 

 

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