Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Strom und Politik, Falter, 20.8.2003


Wird die banale lokale Stromversorgung zur Schicksalsfrage der amerikanischen Politik und nicht der weltweite Terrorismus oder die Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein? Fast könnte es so scheinen, wenn man den Bogen von den politischen Turbulenzen Kaliforniens zum Elektrizitäts-Debakel an der Ostküste zieht. Im Jahr 2000 erschienen die stundenlangen Stromabschaltungen an der reichen Westküste Amerikas eine der vielen unerklärlichen Verrücktheiten der Kalifornier. Eine chaotische Privatisierung der Elektrizitätsgesellschaften kombiniert mit staatlich verordneten, unrealistisch niedrigen Strompreisen hätten das Debakel verursacht, hieß es damals. Wieso das reichste Land der Erde nicht über genügend Stromleitungen besitzt, solche regionale Fehlentwicklungen auszugleichen, blieb ein Rätsel. Drei Jahre später, der Zusammenbruch des Energiegiganten Enron liegt ebenso hinter uns wie das unglaubliche Spektakel toter Stromleitungen während Tagen für Dutzende Millionen Amerikaner und Kanadier, ist der Spruch von der Dritt-Welt-Qualität des amerikanischer Energienetzes in aller Munde. Kalifornien hat sich offensichtlich wieder einmal als Trendsetter erwiesen. So wie in Europa die zerfallenden britischen Eisenbahnlinien als drastisches Mahnmal gegen den außer Rand-und-Band geratenen Privatisierungswahn gesehen werden, demonstriert in Amerika das Stromdebakel die Grenzen ausschließlich profitorientierten Wirtschaftens. Wenn die Infrastruktur, aus der kein unmittelbarer Gewinn zu machen ist, über Jahre vernachlässigt wird, dann kommt einmal der Zeitpunkt, an dem die Folgen für die gesamte Gesellschaft unübersehbar sind.
Kompliziert werden die möglichen politischen Konsequenzen in Kalifornien dadurch, dass der bevölkerungsreichste amerikanische Bundesstaat seit den konservativen Achtzigerjahren unter Ronald Reagan stets solide demokratisch war. Bill Clintons wirtschaftsfreundliche "New Democrats" feierten hier ihre größten Triumphe. Die kalifornischen Demokraten waren lange Zeit erfolgreich, indem sie mit ihrer eigenen Privatisierungspolitik den Konservativen den Wind aus den Segel nahmen. Seit einem Jahrzehnt haben die Republikaner daher in Kalifornien keinen ernsthaften Präsidentschaftswahlkampf mehr geführt.
Das kann alles anders werden, wenn am 7.Oktober die Abwahl des Gouverneurs Gray Davis, in dessen Amtszeit das kalifornische Stromdebakel fiel, tatsächlich gelingt. Ein konservativer Kurswechsel in Kalifornien just zu Beginn eines bundespolitisch entscheidenden Wahljahres, wäre ein politischer Donnerschlag mit weitreichenden Folgen. Welche Ironie, wenn ausgerechnet die Administration eines traditionell demokratisch regierten Bundesstaates über eine mißglückte Privatisierungsaktion stürzen würde. Was die politische Landschaft Amerikas durch den kalifornischen Wahltermin zusätzlich so nachhaltig verändern könnte, das ist der seit 1911 mögliche aber aus gutem Grund bisher nie praktizierte "recall" selbst. Gelingt die Abwahl, dann wäre damit eine plebiszitäre Bresche in das demokratisch-repräsentative System der USA geschlagen. Denn Gouverneur Gray Davis mag notorisch schlechte Umfragewerte haben und das Budgetdefizit in Sacramento explodieren lassen. Aber die letzten Wahlen liegen in Kalifornien kein Jahr zurück. Die Demokraten haben damals klar gewonnen, trotz Gegenwind aus Washington, dem Debakel der Stromkrise und ihrem unpopulären Gouverneur.
Niemand hat Arnold Schwarzenegger gehindert sich bei den regulären Wahlen vor einem Jahr zu bewerben, ätzt Andrew Gumbel, der Amerika-Korrespondent des Londoner "Independent", aber "Arnie" zog es vor "Terminator 3" zu drehen. Den Abwahlversuch bezeichnet der "Independent" als populistischen Angriff auf die Institutionen der repräsentativen Demokratie. Gestartet hat das ganze Unternehmen Darrell Issa, ein rechter Kongressabgeordneter aus San Diego, der Millionen seines eigenen Vermögens in die Schlacht warf. Monatelang bezahlte Darrell Issa hunderte Helfer dafür, dass sie vor Supermärkten, Kinos und Shopping Malls Unterschriften sammelten, um das Wahlergebnis vom Herbst 2002 umzudrehen. Unzufriedenheit in der Bevölkerung, Unsicherheit bei den regierenden Demokraten und der Reiz einer populistischen Revolte gegen das politische Establishment waren der Cocktail, der half die erforderlichen Unterschriften zusammenzubringen.
Bill Clinton, der den in Not geratenen kalifornischen Parteifreunden zur Seite steht, erinnert gerne daran, mit welcher Beharrlichkeit die republikanische Rechte schon sehr bald nach seinem Amtsantritt versucht hat, ausgehend von den Whitewater-Untersuchungen gegen ihn vorzugehen. Er empfiehlt daher Gelassenheit: ein demokratisch gewählter Gouverneur, der demonstrativ seiner Regierungsverantwortung nachkommt und sich nicht provozieren läßt, habe gegen destabilisierende Umsturzversuche von rechts gute Chancen, argumentiert Clinton. Für den unglückseligen Gray Davis wäre ein solcher Reflex tatsächlich die einzige Chance.
In der bevorstehenden großen Auseinandersetzung um
das Weiße Haus wird eine solche defensive Abwehrhaltung allerdings nicht ausreichen. In der Demokratischen Partei tobt dementsprechend der Meinungskampf, wie scharf man dem konservativen Modell der Republikaner entgegentreten will. Das Interesse der eigenen Basis hervorzurufen ist bisher nur Howard Dean gelungen, dem ehemaligen Gouverneur von Vermont mit dem Ruf des Außenseiters. Sein konsequentes "Nein" zum Irakkrieg war dafür ebenso entscheidend wie das Image des Robin Hoods gegenüber dem Establishment der eigenen Demokratischen Partei. Der unerwartete Erfolg Howard Deans, der über das Internet und nicht dem Parteiapparat Spenden und Aktivisten mobilisieren konnte, läßt die Editorialisten und Meinungsmacher vor einem angeblich drohenden Linksruck der Demokratischen Partei warnen. In einem Land, das sich seit dem 11.September in Terrorangst um den Präsidenten schart, sei die inhaltliche Polarisierung für die Demokraten der sichere Weg ins Abseits, so heißt es. Ob dieses Kalkül auch gilt, wenn mit dem Stromdebakel Wirtschaftsfragen ins Zentrum rücken? Die Enronpleite, die stetig verlorenen Arbeitsplätzen und das explodierende Budgetdefizit könnten Ausgangspunkte für eine Grundsatzdiskussion werden, die mit der Vorstellung eines vom konsenssüchtigen Patriotismus geprägten Amerikas so gar nicht übereinstimmt.

 

 

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