Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  Aktuelle Analysen
   

Troubles im Hinterhof, 1.3.2006

Als Chaos, Armut und Bandenkriege in Haiti vor zwei Jahren eine Flüchtlingsbewegung in Richtung Florida auszulösen drohten, da schickte Washington die Marines, um den umkämpften Präsidenten und Helden der Armen, Jean-Bertrand Aristide, ins afrikanische Exil zu befördern. Es folgte eine proamerikanische Übergangsregierung, die das Land, gestützt auf UNO-Blauhelme und finanziert von internationalen Geldgebern, noch weiter in Hoffnungslosigkeit und Elend abgleiten ließ.
Anfang Februar kam es bei den mehrmals verschobenen Präsidentschaftswahlen zur Sensation: Keiner der Kandidaten aus dem Kreis der Eliten kam auf mehr als zwölf Prozent. Triumphaler Wahlsieger war ein ehemaliger Vertrauter Aristides, der reformerische Expräsident René Préval. Als massiver Wahlbetrug das Ergebnis zu untergraben drohte, ging das linke Wahlvolk auf die Straße. Vor der Kombination von Volksaufstand und Erfolg an den Urnen kapitulierte schließlich sogar die Lateinamerikaabteilung des State Departments. USA und UNO gaben dem langjährigen Verbündeten Aristides ihren Segen. Aristide selbst erwägt jetzt seine Rückkehr. Hunderttausende, die in Port-au-Prince dem schillernden Jean-Bertrand Aristide einen triumphalen Empfang bereiten, das wäre ein Albtraum für die nordamerikanischen Strategen.
Die sensationell hohe Wahlbeteiligung in Haiti, einem Land ohne die elementarste Infrastruktur, in dem jeder Ortswechsel in Richtung Wahllokal mit den größten Mühen verbunden ist, hat alle überrascht. Ein ähnlich großes Interesse an freien Wahlen selbst unter den widrigsten Umständen hatte es bereits in den von Israel besetzten Palästinensergebieten und in dem von den USA kontrollierten Irak gegeben. Von Ramallah bis Port-au-Prince ermöglichte die demokratische Öffnung die unterschiedlichsten Machtwechsel, die mit den geopolitischen Interessen der USA ganz und gar nicht im Einklang standen.
Die Gefahr von Flüchtlingsströmen aus der benachbarten Karibik gehört zu den wenigen Gründen, die den Südteil des Kontinents in Washington alle paar Jahre zum Topthema machen. Was die USA ebenfalls beunruhigt, sind die Versuche weltpolitischer Gegenspieler, amerikanische Schwächephasen auszunützen und sich im südlichen Teil der Hemisphäre festzusetzen. Zum Todfeind wurde Fidel Castro in Washington erst, als die Abgesandten Nikita Chruschtschows in Havanna das Bündnis der Sowjetunion mit dem revolutionären Kuba besiegelten. Auch Chiles Salvador Allende und das sandinistische Nicaragua sah man in Washington primär durch die Brille des Kalten Krieges.
So ist es wohl auch kein Zufall, dass die jüngste Verschärfung der amerikanischen Polemik gegen Venezuelas Hugo Chavez zu einem Zeitpunkt kommt, an dem der Chef der sogenannten "Bolivarischen Revolution" freundliche Worte für Hamas findet und sich dem Iran annähert. Der auf Staatsbesuch in Caracas weilende iranische Parlamentspräsident bot sogar Hilfe beim Aufbau eines venezolanischen Atomprogramms an. Chavez' Diplomaten revanchierten sich, indem sie in der Internationalen Atombehörde in Wien gegen die Kritik an den Mullahs stimmten, worauf Condoleezza Rice vor dem Kongress eine Strategie zur Eindämmung des venezolanischen Einflusses in Lateinamerika ankündigte. Als Spanien und Brasilien Waffen mit US-Bestandteilen nach Venezuela verkaufen wollten, legten die USA ihr Veto ein. Auch zu einer wechselseitigen Diplomatenausweisung wegen angeblicher Spionagetätigkeit ist es bereits gekommen. Ein Schlagabtausch, der fast schon an die Rivalitäten des Kalten Krieges erinnert.
Dem venezolanischen Caudillo sind diese Art von Feindseligkeiten durchaus recht: Ende des Jahres stehen Präsidentschaftswahlen bevor, und je mehr sich Hugo Chavez als weltweiter Gegenpol zu George Bush präsentieren kann, desto schwerer werden sich seine Gegenkandidaten tun. Als Pentagonchef Donald Rumsfeld meinte, auch Adolf Hitler sei so wie Chavez "legal gewählt" worden, replizierte der venezolanische Präsident, gegen George Bush sei Hitler doch ein Säugling.
Derartige Polemik bringt dem Regime in Caracas Zuspruch von links außen: Venezuela hat Anfang des Jahres nicht nur das diesjährige Welt-Sozialforum beherbergt, sondern bereitet auch den schärfsten amerikanischen Kritikern der Bush-Regierung einen roten Teppich. Londons linker Bürgermeister Ken Livingstone ruft "Hände weg von Venezuela" und weist auf die demokratische Legitimation durch insgesamt acht Urnengänge hin, denen sich Chavez in den letzten Jahren gestellt hat.
Tatsächlich klingt die krude nationalistische Rethorik der "Bolivarischen Revolution" ähnlich nervtötend wie marxistisch-leninistische Propaganda früherer Zeiten. Auch der antisemitische Zungenschlag des Staatschefs bei einer seiner stundenlangen Reden Ende des vergangenen Jahres blieb nicht unbemerkt. Aber bei aller Korruption und Misswirtschaft gestehen auch Kritiker zähneknirschend ein, dass die armen Bevölkerungsschichten dank der neuen Sozialprogramme erstmals vom Ölreichtum des Landes profitiert haben. Lektionen in Sachen Demokratie ausgerechnet von den USA, die in Lateinamerika so oft Diktaturen und Putschisten gestützt haben, sind da nicht nur deplatziert, sondern auch kontraproduktiv.
Dabei prägt ein merkwürdiges gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis die venezolanisch-amerikanischen Beziehungen. Venezuela ist der wichtigste Erdöllieferant Amerikas. Ungehindert fließen aus den USA tagtäglich viele Millionen Dollar auf die Konten der staatlichen Erdölgesellschaft Petroleos de Venezuela. Bis jetzt blieb diese Lifeline intakt. Die Supermacht zögert, neben dem chaotischen Nahen Osten noch einen zweiten Krisenherd zu schaffen. Aber was in Lateinamerika als längst überfällige Emanzipation gilt, wird in den herrschenden Kreisen der USA als Welle antiamerikanischer Exzesse im ureigensten Einflussgebiet empfunden. Der Chor jener, die nach einem harten Vorgehen rufen, um dem schleichenden Verlust Lateinamerikas entgegenzutreten, wird in Washington immer lauter.




 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann