Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Zeman, Haider und Giscard d'Estaing, 23.01.2002

Valery Giscard d'Estaing hat viel vor. Der ehemalige französische Staatspräsident, dessen einstige Vorliebe für Diamanten aus afrikanischer Diktatorenhand selbst aus dem politischen Langzeitgedächtnis verschwunden scheint, strebt als Vorsitzender des neuen EU- Konvents eine grundlegende Reform der gesamten politischen Architektur der EU noch vor Vollzug der Erweiterung an. Ein Blick auf die aktuellen politischen Schlagzeilen in Mitteleuropa sollte dem französischen Patrizier die Dringlichkeit seiner kühnen Pläne noch einmal vor Augen führen.
Noch beschädigt der mit Halbwahrheiten, Emotionen und dumpfen Ressentiments hochgespielte Disput zwischen Klagenfurt, Wien und Prag die politische Klasse der beiden beteiligten Staaten, nicht jedoch Europa und seine Institutionen. Noch nicht. Denn man stelle sich vor, die beteiligten Politiker würden ihre Auseinandersetzung nicht am österreichisch-tschechischen Biertisch sondern im Europäischen Parlament austragen: zwei Dutzend anderer Kontrahenten würden unweigerlich zum Hochspielen ihrer ähnlich gelagerten historischen Fehden angeregt. Populistischer Nationalismus würde zur lebensgefährlichen Bedrohung für die demokratischen Institutionen der europäischen Integration. Der Reichsrat des österreichischen Vielvölkerstaates wäre das traurige Bild der Zukunft des Europäischen Parlaments.
Die westeuropäische Integration der Nachkriegszeit wurde durch das Tabuisieren jener alten Vorurteile und Konflikte möglich, die den Kontinent so lange zum Schlachtfeld gemacht hatten. Die deutsch-französische Versöhnung stand am Beginn der EWG. Das gezielt gegen andere Partner gerichtete Aufpeitschen nationalistischer Emotionen ist seit 1945 in Westeuropa aus dem Reservoir der politischen Konfliktaustragung gestrichen worden. Dass dies mit dem seit Österreichs EU-Beitritt einsetzenden Zustrom von Ostlern anders werden könnte, beginnt die westliche Politik nur langsam zu begreifen. Die Regierungsbeteiligung der FPÖ in Wien war der erste in diese Richtung weisende Tabubruch, dem man mit den wenig durchdachten Maßnahmen der EU-14 begegnen wollte. Jetzt warnt Valery Giscard d'Estaing vor einer Totalblockade des bestehenden EU-Systems, wenn es einmal 25 oder 30 Mitglieder gibt. Die Schlußfolgerung ist für ihn: die Diskussion um die berühmte "Finalität des europäischen Projekts" muß wieder aufgenommen werden.
Kleinlicher Streit um Stimmgewichte, die Ansiedlung von EU-Behörden und die dazu nötigen kulturellen Voraussetzungen (so hatte Silvio Berlusconi Finnland als Standort der EU-Lebensmittelbehörde unter Hinweis auf die im Norden fehlende Tradition des Parmaschinkens abgelehnt) blockieren die EU schon jetzt allzuoft. Wenn die historisch überlagerten Ressentiments Mittel- und Osteuropas dazukommen, dann droht die nationale Vielfalt zum politischen GAU zu werden. Ferrero-Waldner gegen Louis Michel oder Silvio Berlusconi gegen die aus einer linken italienischen Einwandererfamilie kommende französische Kulturministerin Tasca, das hält die EU gerade noch aus. Sollte Europa jedoch zusätzlich zur Bühne für österreichisch-tschechische, ungarisch-rumänische, ungarisch-slowakische oder deutsch-polnische Kämpfe verkommen (wobei sich selbstverständlich jeder Protagonist einen großen Verbündeten im Westen suchen würde), dann könnte die Krise letal werden. Schließlich ist der national gefärbte Populismus auch im westlichen Teil des Kontinents eine permanente Versuchung, wie sich an dem genau an den Bruchlinien zwischen Mitteleuropa und Westeuropa liegenden Italien deutlich erkennen läßt.
Dabei scheint gar nicht eine von Haider-Gegnern nach Italienbesuchen des Kärntner Landeshauptmannes manchmal befürchtete mächtige Europa-Internationale der Nationalisten das wahrscheinlichste Resultat. Ein solches Projekt würde wohl sehr rasch zum Opfer ihrer eigenen Vorurteile und unkontrollierten Emotionen. Die Gefahr besteht eher darin, dass populistische Demagogen die etablierten Traditionsparteien vor sich hertreiben und unter diesem Druck Vetodrohungen , wie sie österreichische Minister schon heute zu immer mehr Themen empfehlen, zum europäischen Alltag werden.
Gegen populistischen zentrifugalen Partikularismus hilft nur ein starker demokratisch legitimierter Zentralismus. Wie groß das politische Potential des europäischen Projekts nach wie vor ist, das hat die überraschende emotionale Begeisterung rund um die Euro-Einführung quer über den Kontinent gezeigt. Würde diese Bereitschaft zum europäischen Engagement politisch aufgegriffen, dann könnte ein europäischer Souverain entstehen, der den kleinlichen Nationalismus in die Schranken weist. Dagegen ist die Öffentlichkeit im Zusammenhang mit dem leidigen Zeman-Haider-Streit in Tschechien und Österreich auffällig zurückhaltend geblieben: die Eliten hielten klar Distanz zu den Kontrahenden und in den tschechischen Zeitungen liest man viel Kritik an Zeman während in den meisten österreichischen mit Haider scharf ins Gericht gegangen wird. Keine Rede von dem von den Protagonisten vielleicht erhofften nationalen Schulterschluss, der rationales Denken unmöglich macht.
Valery Giscard d'Estaing wird den Europäischen Konvent am 28. Februar in Brüssel eröffnen. Bis Mitte 2003 sollen die 105 aus Regierungen, Parlamenten und EU-Institutionen entsandten Mitglieder und Beobachter zwischen den verschiedensten Modellen entscheiden: vom Bundesstaat nach deutschem Vorbild bis zur losen Union von Nationalstaaten, wie das dem traditionellen britischen Denken entspricht, liegt alles auf dem Tisch. Silvio Berlusconi will das bislang proeuropäische Italien ins Lager der EU-Skeptiker rund um Großbritannien und Spanien führen, wie er kürzlich der "Financial Times" anvertraute. Tony Blair jedoch hat in einer großen Rede in Birmingham mit der antieuropäischen britischen Tradition gnadenlos aufgeräumt. Der auf verstärkte Integration drängende Gerhard Schröder wiederum steht ebenso vor einem schwierigen Wahljahr wie sein viel zurückhaltender französischer Parteikollege Lionel Jospin. Gleichzeitig wird für den Herbst ein richtungsweisendes Urteil im größten Korruptionsprozeß gegen Berlusconi wegen Verdachts auf Richterbestechung im Zusammenhang mit dem Kauf des Lebensmittelkonzerns SME erwartet. Durchaus möglich, dass am Endes des Jahres, wenn in Deutschland und Frankreich die Wähler und in Mailand die Richter gesprochen haben europaweit neue Konstellationen möglich werden.
Darauf setzt Valerie Giscard d'Estaing. Quer über nationale Grenzen und politische Sympathien ist ihm Erfolg zu wünschen. Damit Haider gegen Zeman und umgekehrt doch nicht das Bild der europäischen Zukunft wird.

 

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