Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  "Falter" - Artikel
   

Zynismus & Realismus, 12.6.2003

Sie sind drauf und dran der "Emser Depesche", mit der Otto von Bismarck 1870 den Krieg gegen Frankreich herbeiführte, den Rang des bekanntesten gefälschten Kriegsgrundes der Geschichte abzulaufen: die irakischen Massenvernichtungswaffen, von denen aber seit Wochen selbst tausende amerikanische Soldaten keine Spur gefunden haben. Irakisches Giftgas und ein aufwendiges Atomprogramm hat es zweifelsohne einmal gegeben. Nur eben vor 10 Jahren, und nicht in den Monaten vor dem amerikanisch-britischen Einmarsch. Ganz so wie die berüchtigte Depesche über den obskuren spanischen Erbfolgestreit tatsächlich existiert hat, mit der Frankreich so tief beleidigt wurde, dass Napoleon III. Preußen wunschgemäß den Krieg erklärte. Nur ihr realer Wortlaut war von Bismarck für seine Zwecke umgeschrieben worden.
Der Vergleich mag für George Bush und Tony Blair beruhigend sein, denn Historiker bewerten Kriege nach den langfristigen Resultaten und nicht nach dem formellen Anlass. Die Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles wirkte bleibender als der kleine Kunstgriff mit der gefälschten Depesche. Aber erstens ist politisches Vertrauen unter den Verhältnissen der modernen Welt, in der Regierungen auf die Dauer nur schwer gegen den expliziten Willen ihrer Bevölkerung agieren können, ein größerer politischer Wert als in der Zeit früherer Kabinettskriege. Und zweitens ist die von den Washingtoner Neokonservativen versprochene Stabilisierung des Nahen Ostens, das aktuelle Pendant zur Neuordnung Europas durch den Eisernen Kanzler, ein schöner Traum. Trotz des in Akaba versuchten neuen Anlaufs für einen israelisch-palästinensischen Frieden..
Die amerikanische Führung hat ihren militärischen Erfolg im Irak zum Preis eines massiven weltweiten Glaubwürdigkeitsverlustes der USA. errungen, wie Umfragen über den weltweit steigenden Antiamerikanismus bestätigen. Ein erstaunliches Phänomen, fliegen erfolgreichen Kriegern doch normalerweise auch die Herzen zu. Machiavelli hat zwar einst gemeint, für einen Herrscher sei es vorteilhafter gefürchtet als geliebt zu werden, weil die Liebe vergänglicher ist. Aber in der realen Welt des 21.Jahrhunderts wird auch die Supermacht Amerika ihre Hegemonie nicht allein auf militärische Vormacht stützen können. Je demokratischer die potentiellen Verbündeten sind, desto unmittelbarer werden sich antiamerikanische Vorbehalte im Volk auch in der Politik der Führung niederschlagen, wie das Beispiel der Türkei anschaulich zeigt. Diese Entfremdung wird durch den Skandal der offensichtlich übertrieben und möglicherweise gefälschten "Beweise" für irakische Massenvernichtungswaffen weiter verstärkt.
Für Großbritanniens Tony Blair könnte die Affaire sogar letale Folgen haben. Der "Economist" erinnert, wie sehr die persönliche Glaubwürdigkeit des britischen Premiers auf dessen Betonung moralischer Prinzipien beruht. Die immense Überzeugungskraft, mit der Tony Blair Moral und Politik zu verbinden weiss, hat ihn zum größten politischen Talent Europas gemacht. Sollte sich jedoch herausstellen, dass er Großbritannien wissentlich unter einem falschen Vorwand in den Krieg geführt hat, nur um an der traditionellen Achse mit den USA festzuhalten, dann wäre das der Anfang vom Ende. Bedrohliche eineinhalb Tonnen VX Nervengas, 26 000 Liter Anthrax und den versuchten Ankauf von hunderten Tonnen Uran durch den Irak schleuderte der Premierminister in einer denkwürdigen Sitzung des britischen Unterhauses am 24.September 2002 seinen Kritikern entgegen. Innerhalb von 45 Minuten könnte das Teufelszeug einsatzbereit sein. Diese schrecklichen Waffen zu zerstören sei das einzige Ziel der gegen Saddam Hussein gerichteten Koalition, so Blair wörtlich. Stellt sich jetzt heraus, dass all diese Angaben nicht auf Erkenntnissen der britischen Geheimdienste sondern auf der Kreativität des Blair-Bürochefs Alister Campbell beruhten, dann bricht das gesamte Blairsche Politikgebäude wie ein Kartenhaus zusammen.
Hochnotpeinliche Untersuchungen im britischen Unterhaus wie im amerikanischen Kongress versprechen den Siegern von Bagdad schwierige innenpolitische Zeiten. Ob die europäischen Mitläufer aus Warschau und Rom, Madrid und Budapest, die in ihrem ominösen "Brief der 8", die irakischen Massenvernichtungsmittel ebenfalls als zentrale Begründung für ihre die EU spaltende Kriegsbefürwortung angeführt haben, ähnlich gefordert werden, ist leider fraglich. Für die Idee politischer Verantwortung gelten offensichtlich auch geographische Grenzen.
Zyniker meinen, zumindest im Nahen Osten könnte die politische Bedrängnis der Sieger positive Konsequenzen haben. Denn je beschränkter die Erfolgsbilanz im Irak sei, desto stärker wäre die Bush-Administration von Fortschritten im israelisch-palästinensischen Friedensprozeß abhängig. George Bush könnte dann unabhängig von unangenehmen Fragen nach dem Irakkrieg darauf verweisen, dass die Welt durch seinen Kurs sicherer geworden ist. Aber noch gibt es für Optimismus im Nahen Osten wenig Gründe. Der Händedruck zwischen George Bush, Ariel Sharon und Mahmoud Abbas war zwar ein erster Schritt. Erfolge werden im israelisch-palästinensischen Konflikt jedoch am Boden gemessen. Wer erinnert sich noch an den "Tenet-Plan", den "Mitchell-Plan" oder die viel detaillierteren Verhandlungen in Akaba Anfang 2001, die Ehud Barak schließlich abgebrochen hat? Dass der israelische Premier plötzlich das Besatzungsregime über die Palästinenser beim Namen nennt, ist politisch signifikant. Genauso wie es die Kritik Mahmoud Abbas' an den Selbstmordaktionen der Intifada war. Eine wirkliche Wende im Nahen Osten brächten aber nur praktische Konsequenzen. Dazu Sharon müßte den großen internen Konflikt mit den von ihm selbst über Jahrzehnte geförderten Siedlern riskieren, die jetzt schon fast die Hälfte der Westbank kontrollieren. Die Palästinensische Autonomiebehörde müßte legitimiert sein gegen Hamas und den Islamischen Djihad vorzugehen, wie das der inzwischen dämonisierte Jassir Arafat 1996 getan hat. Der amerikanische Druck, der solche tektonische Verschiebungen erzwingen könnte, wird nicht von den im fernen Irak stehenden amerikanischen Militärs ausgehen können. Dazu wäre es erforderlich, dass die USA selbst bereit sind, Positionen in Tulkarem und Ramallah, Hebron und Bethlehem zu beziehen.
Eine höchst unwahrscheinliche Perspektive in einem amerikanischen Wahljahr. Der manipulierte Kriegsgrund für den Irak wird damit wohl weiter in den Schlagzeilen bleiben. Mit weitreichenderen politischen Folgen als einst die Bismarcks "Emser Depesche".

 

 

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